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Immer noch präsent: Mao auf der Speisekarte in einem Restaurant in Sanya Lenin auf einem Plakat am Haupteingang des Wohnblocks

China-Tagebuch Teil 13 - Erlebnisse als Gastprofessor am Sanya College auf der Insel Hainan

Prof. Dr. Horst Helle

22.02.2011 | Soziale Arbeit | Schwerpunkte Kommentare (0)

Der Soziologe Prof. Dr. Horst Helle befindet sich, vermittelt von der Stiftungsinitive Johann Gottfried Herder im Deutschen Akademischen Austauschdienst, seit Ende August 2010 noch bis Ende diesen Monats als Gastprofessor in China. Für Sozial.de berichtet er exklusiv von seinen Erfahrungen in der Lehre, aber auch aus seinem Alltag.

Hintergrund

Der Soziologe Horst Jürgen Helle wurde von der Stiftungsinitive Johann Gottfried Herder im Deutschen Akademischen Austauschdienst aus dem Ruhestand zurückgeholt und als Gastprofessor an das südlichste Kollege der Volksrepublik China nach Sanya auf der Insel Hainan vermittelt. Er ist seit 2002 mit einer Deutschen chinesischer Abstammung verheiratet, so dass er immer einer Übersetzerin bei sich hat. Helle und seine Frau Lilly haben drei Töchter: Lisa (8), Rita (5) und Emmy (3).

Woche 25: Sonntag, 6. Februar – Samstag, 12. Februar 2011 in Schanghai

Sonntag, 6. Februar 2011, 4. Tag im neuen Jahr Um 10 Uhr trifft das Ehepaar bei uns ein, bei dem sie den Familiennamen Wang, er den Namen Yang trägt. Während es im alten China selbstverständlich war, dass bei der Heirat beide Eheleute den Familiennamen des Mannes annahmen, behält im „Neuen China“ jeder den Familiennamen in der Ehe bei, den er oder sie von Geburt an hatte. Frau Wang war während des Besuchs der Oberschule bis zum Abitur einer der engsten Weggefährtinnen Lillys, und die beiden begrüßen einander mit großer Herzlichkeit. Ein ganz kurzer Schock musste aber bei Beginn des Wiedersehens von Lilly überwunden werden, weil ihre alte Freundin plötzlich ganz in streng muslimischer Weise mit Kopftuch und bodenlangem Kleid auftrat. Sie war immer schon Anhängerin des Islam gewesen, doch während der Schulzeit trat das kaum in Erscheinung, außer in einer gewissen pessimistischen Weltablehnung und der tiefen Überzeugung von der Bosheit der Menschen, die sie als Teenager mit ihren Eltern – nicht aber mit Lilly – teilte. Sie litt chronisch an gesundheitlichen Problemen, und das ist wohl auch der Grund, warum die Ehe bisher kinderlos blieb. Doch dann unternahm sie zusammen mit ihrer Mutter im Oktober 2010 eine Pilgerfahrt nach Mekka, oder – richtiger müsste es heißen – die Pilgerfahrt nach Mekka und zu den anderen nahegelegenen heiligen Stätten des Islam, wie etwa drei Millionen andere Muslime aus der ganzen Welt das gleichzeitig auch taten. Sie beschreibt gegenüber Lilly die unvorstellbaren körperlichen Anstrengungen, die mit dieser frommen Unternehmung verbunden waren, und berichtet auch, dass die gesundheitlichen Leiden, die sie über Jahre hinweg begleitet hatten, seitdem auf wundersame Weise beendet wurden. Und im Zusammenhang mit diesen Oktober-Erfahrungen, stehen auch die strenge Einhaltung der regelmäßigen Gebete und das Tragen muslimischer Kleidung in der Öffentlichkeit. Man dürfe als frommer Muslim auch nicht aus Tassen trinken, die von den Lippen solcher Personen berührt wurden, die Schweinefleisch essen; also werde ich losgeschickt, um Papierbecher zu kaufen, was ich natürlich widerspruchslos tue. Der Ehemann, Herr Yang, ist groß und sieht wie seine Frau sympathisch aus mit ungewöhnlich langen, etwas lockigen Haaren, die ihn wie einen Künstler aussehen lassen, der er auch ist: In der Schulzeit kannte Lilly ihn als beliebten Sänger und Mitglied einer Pop-Band. Heute produziert er für ein chinesisches Pendent von YouTube im Internet Werbevideos. Auch er stammt, wie seine Frau, aus einer Familie, deren Mitglieder von jeher Muslime waren, und er trägt die neu beschlossene strenge Frömmigkeit seiner Frau solidarisch voll mit und lässt sich aus religiöser Überzeugung die Haare wachsen. Ein Schwager seiner Frau – der Ehemann ihrer Schwester und ebenfalls Muslim – ist Offizier im Militär Chinas, und da könnte die Haartracht eher ein Thema werden als in der Werbebranche. Der Besuch bleibt gemessen an früheren Begegnungen zwischen den beiden Freundinnen kurz, und als Lilly später am Telefon nach dem Grund fragt, erklärt Frau Wang, es sei  Zeit zum Gebet gewesen, daher hätten sie und ihr Mann gehen müssen. Nach dem Besuch der beiden verbringen wir wieder Zeit an der Rollschuhbahn mit dem Trainieren von Inline-Skating durch unsere drei Mädchen. Zu dem erhofften frühen Schlafengehen in Erwartung einer ruhigen Nacht kann es nicht kommen. Am Abend wird erneut, eher noch stärker als am „Altjahrsabend“, Feuerwerk abgebrannt in Erwartung des wichtigen fünften Tages im neuen Jahr, an dem der Gott des Reichtums nach dem alten Glauben des Volkstaoismus kommt. Er wird seinen Segen und damit die Wahrscheinlichkeit reich zu werden (oder zu bleiben?) vor allem denen bringen, die den meisten Lärm machen! Das Getöse um Mitternacht ist furchterregend und klingt erst im Laufe der ersten Stunde des neuen Tages wieder ab. Montag, 7. Februar 2011, 5. Tag im neuen Jahr Der Sonnenaufgang wird mit dem Abbrennen von Feuerwerk begrüßt (so langsam reicht´s!) Die im Vergleich zu deutschen Städten südliche Lage Schanghais bedeutet, dass sich die Temperaturen schneller aufwärts bewegen, wenn die Sonne länger scheint. Heute werden zwischen 5 und 15 Grad erwartet, und schließlich nennen die Chinesen diese Dauerfete, mit der sie nun schon den fünften Tag beschäftigt sind, ja Frühlingsfest und nicht Winterfeier. Ein anderes Ehepaar besucht uns. Sie hat mit Lilly zusammen in Schanghai an der Fudan Universität studiert. Jetzt arbeitet sie in Shenzhen als Wirtschaftsprüferin bei einer italienischen Firma mit Sitz in Hongkong. Ihr Ehemann ist Analyst: Er untersucht die Finanz- und Ertragslage großer Firmen und lässt dann die Ergebnisse seiner Untersuchungen den Inverstoren zugutekommen. Beide sind in Shenzhen zu Hause, der Nachbarstadt Honkongs, in der etwa 14 Millionen Menschen wohnen. Sie haben einen Sohn und wünschen sich ein zweites Kind. Sie sind bereit, die Strafe zu zahlen, die dafür verhängt wird. Der Strafbetrag variiert von Bezirk zu Bezirk innerhalb Chinas und hängt vom Einkommen der Eltern ab. Hinzu kommen aber noch laufende finanzielle Benachteiligungen, z.B. bei den Kosten für Kindergarten und Krankenversicherung, weil eine ordnungsgemäße Registrierung eines Zweitkindes nicht erreicht werden kann. Es bleibt also in einen neuartigen Sinn ein illegitimes Kind. Dennoch wollen Lillys Freundin und ihr Mann ein zweites Kind, und bei ihrem guten Einkommen wird die Strafe dafür gewißt sehr teuer. Es fällt mir schwer, die Ubiquität von Knallkörpern dieser Tag nicht schlicht den Knallköpfen anzulasten, die sie kaufen und (eben jetzt ab 18:30 Uhr wieder) abbrennen. Man will ja der Tradition nach z.B. den Gott des Reichtums durch Lärmentfaltung auf sich aufmerksam machen. Auch nach westlicher religiöser Tradition gibt es die Vorstellung, dass jemand „zu Gott schreit“, obschon keine mir bekannte theologische Position dem Allerhöchsten Schwerhörigkeit zuschreibt. Als ich im Frühjahr 1999 zum Fest des Totengedenkens in der Nähe von Fuzhou eine Familie bei dem Ritual am Grab des verehrten Vorfahren beobachten durfte, brannten die Hinterbliebenen auch dort Feuerwerk ab, mit dem erklärten Ziel, den Verstorbenen so herbeizurufen. Vielleicht verdankt sich (Adornodeutsch?) das Läuten vor der Wandlung der Messe einer ähnlichen Vorstellung, und kleine Kinder – zumal hier – rufen umso lauter, je dringlicher ihnen das Eingreifen von Mutter oder Vater in ihre Alltagssitution erscheint. Gerade der Soziologe sollte wohl das Anlärmen (gibt es das Wort?) einer Person durch eine andere als Versuch der Nachrichtenübermittlung deuten können mit allerdings nicht eindeutigem Inhalt: Von „Wart’s nur ab, dich kriegen wir schon noch!“ bis zu „Komm doch bitte schnell und hilf mir!“ Ich neige bei Lärm wohl doch zu der ersten Alternative. Dienstag, 8. Februar 2011, 6. Tag im neuen Jahr In Deutschland feiert man ein Fest maximal zwei Tage lang, so zu Weihnachten, zu Ostern und zu Pfingsten. Danach kehrt jeder wieder an seinen Arbeitsplatz zurück. Nicht so in China. Hier feiert man der agrarkulturellen Tradition nach zwei Wochen lang. An diesem Dienstag sind aber schon Bahnhöfe und Busdepots wegen des einsetzenden Rückreiseverkehrs überlastet, weil viele Arbeitgeber nur eine Woche Urlaub gewähren. Heute ist in unserer Großfamilie die Feier des Geburtstags von Lillys Bruder. Ob aber heute sein Geburtstag ist, lässt sich so schnell nicht beantworten. Er feiert immer am 6. Tag des neuen Jahres nach dem Mondkalender. Das ist etwa so, als ob bei uns jemand am Ostermontag geboren wurde, und nun jedes Jahr am Ostermontag Geburtstag feiert, ganz gleich, um welches Datum es sich dabei handelt. Den „Geburtstag“ der in den Personalpapieren verzeichnet steht, kann man daraus nicht ohne weiteres schließen. Auch mit dem Alter gibt es interkulturelle Probleme. Die Vorstellung, dass ein Mensch bei seiner Geburt 0 Jahre zählt ist, erscheint hier (und z.B. auch in Korea) als absurd. Daher ist man hier immer ein Jahr älter als bei uns. Einen Blick in den Pass werfen und dann zum Geburtstag gratulieren? Nein, so einfach ist das hier nicht. Außerdem gab es bis zur Abschaffung des Kaisers in China nur den Mondkalender, und an die aktuelle neumodische Zeitrechnung, die nur der Sonne folgt und (hier) noch nicht mal hundert Jahre alt ist, kann man sich so schnell nicht gewöhnen. Abends sind Lilly und ich mit Lillys Bruder, dessen Frau und unserer ältesten und deren einziger Tochter zu Gast bei Professor Zhu Xue Qin. Er ist Direktor des Instituts für Frieden und Entwicklung der Shanghai University hier. Wir sind zunächst in Zhus Haus, treffen dort auch seine Frau und seine Mutter, und gehen dann ohne die beiden Damen zum Essen. Zhu meint, es sei eher für Peking typisch als für Schanghai, dass seine Mutter bei ihrem Sohn wohnt. In Schanghai wohnen – so meint Zhu – etwa 90% der alten Leute bei ihren Töchtern. Obschon Zhu Englisch recht gut kann, übersetzt Lilly, so dass er Chinesisch und ich ganz überwiegend deutsch reden. Es ergibt sich eine höchst informative Unterhaltung: Zhu hatte sich 16jährig (aus Begeisterung für Mao) freiwillig zur Landarbeit gemeldet und machte das dann 13 Jahre lang. Mittlerweile sieht er diese Zeit wesentlich nüchterner, wurde Historiker und Professor und ist ein Bewunderer Max Webers. Auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung war er in Deutschland. Seit 20 Jahren lehrt er an dieser Universität. Mittwoch, 9. Februar 2011 Die meisten Chinesen gehen heute wieder ihrer normalen Berufstätigkeit nach, doch der gigantische Rückreiseverkehr dauert an: Die Eisenbahn hier transportiert täglich rund 6 Millionen Menschen an ihre Arbeitsplätze zurück. – Wir brauchen für die Verlängerung der Visa neue Fotos, also müssen wir alle fünf heute zu einem Automaten gehen, der Passbilder erzeugt. Die Qualität der Bilder ist sehr gut, der Preis unglaublich billig. In technischen Dingen ist China weit, das spürt man vielleicht hier in Schanghai noch mehr als auf der Insel Hainan. Lillys Bruder hat ein iPad von Apple, das er uns vorführt. Man kann das hier für 4000 Yuan (also ca. 440 Euro) kaufen und es ist eine erstaunliche Fortentwicklung des notebook computers. Da das Gerät aus den U.S.A. kommt, hat es zunächst mit China wenig zu tun; doch was mich beschäftigt, ist die Texteingabe über den Bildschirm. Um URLs oder passwords schreiben zu können, ruft man eine virtuelle Tastatur auf, die nur als Abbildung auf dem Bildschirm existiert. Dort tupft man dann auf die gewünschten Tasten. So ging das auch bei den Tastaturen bisheriger Computer: Die chinesischen Zeichen sind alle übersetzt in Pinyin (Chinese: 拼音; pīnyīn), definiert als the official system to transcribe Chinese characters to teach Mandarin Chinese. Man gibt auf einer Tastatur unsere Buchstaben ein, und die Software bietet einem dann aus dem Speicher des Rechners mehrere chinesische Zeichen zur Auswahl an, so dass man auf dasjenige klicken kann, das man gemeint hat. Dieses Verfahren ermöglichte den Zugang zu der uralten Schrift Chinas über die lateinischen Buchstaben des Westens. Das wird nun anders: Ich konnte beobachten, dass alternativ zu dieser Technik sowohl auf dem Bildschirm des iPad als auch auf dem Bildschirm des Navigationsgeräts im Auto, ein chinesisches Zeichen mit dem Fingernagel gezeichnet und vom System erkannt werden kann. Damit wird die westliche ABC-Tastatur überflüssig, was gewaltige wirtschaftliche Konsequenzen haben kann. Donnerstag, 10. Februar 2011 Sowohl unsere Wohnung als auch diejenige meiner Schwiegereltern und von Lillys Bruder liegen in einer Siedlung von Wohnblocks, die mit einem Zaun umgeben und von Wachpersonal an den Zugängen und sogar durch Patrouillieren beschützt werden. In den U.S.A. nennt man das gated community. An dem Haupteingang, den wir ständig passieren, steht seit einigen Tagen ein Bild von Lenin, das zeigt, wie freundlich er mit Wachpersonal umgeht. Ich fotographiere das, weil mich die Präsenz des alten Revolutionärs auf diesem Plakat überrascht. Mich erinnert das an die Innenseite einer großen Speisekarte in einem Restaurant in Sanya mit einem Bild, auf dem Mao lächelnd von glücklichen Jugendlichen umgeben gezeigt wird. Vielleicht ist es ein Merkmal Chinas, sich von der Vergangenheit nicht lossagen zu können. Lilly und ich fahren mit der Super-U-Bahn nach Pudong zum Polizeihauptquartier wegen der Verlängerung unserer Visa. Dort geht es modern zu, man zieht natürlich eine Nummer und sitzt geordnet, bis man an der Reihe ist. Auffallend ist allerdings, dass alle, die dort Schalterdienst tun, in Polizeiuniform gekleidet sind, selbstverständlich mit den militärischen Rangabzeichen auf der Schulter. Uns fehlt aber ein Ausdruck der e-Tickets bei der Lufthansa, aus der unsere Rückflüge am 28.2./1.3. zu erkennen sind. Lilly telefoniert mit unserer Schwägerin, deren Büro ebenfalls im Stadtteil Pudong liegt. Mit ihrer Hilfe beschaffen wir das fehlende Dokument aus dem Internet und können dann die Anträge einreichen. Während der Bearbeitung werden für einige Tage unsere Pässe einbehalten, was mich etwas beunruhigt. Freitag, 11. Februar 2011 Hier steht kein Wochenende bevor! Wegen der Neujahrswoche, wird am kommenden Wochenende (mindestens am Samstag) vielerorts gearbeitet, um verlorene Produktivität nachzuholen. Diese Praxis hatten wir in Sanya auch schon beobachtet; sie scheint im Umgang mit mehrtätigen Festen normal zu sein. –  Der Winter ist mit Temperaturen zwischen 0 und 5 Grad noch einmal zurückgekehrt. – In Ägypten tritt Präsident Mubarak zurück. Einem computer chat mit Lea in New York entnehme ich, dass dort an der Metropolitan Opera eine Oper mit dem Titel „Nixon in China“ große Beachtung findet und offenbar sehr gelobt wird. Ich verspreche Lea, nach New York zu kommen, um das Spektakel mit ihr anzuschauen, nur einen Termin wissen wir noch nicht. Samstag, 12. Februar 2011 Die Zweisprachigkeit ist bei unseren Kindern voll angekommen: Beim Frühstück schüttet Emmy, die ich mit ihren drei Jahren für vernünftiger gehalten hätte, größere Mengen Salz in ihr weichgekochtes Ei. Ich kritisiere das, weil mir die Vergeudung von Nahrungsmitteln unerträglich scheint. Da redet Emmy mit ihrer Mutter in der Sprache dieses Landes. Ich frage nach, was sie denn gesagt habe. Lilly übersetzt: Der Vati ärgert mich dauernd, ich mag nicht mehr neben ihm sitzen! Nach dem Frühstück geht das Telefon: Die Polizei ruft Lilly an. Bei den Recherchen aus Anlass unserer Visa-Anträge hat sich herausgestellt, dass Lilly sich bei ihrer Einbürgerung in Deutschland nicht ordnungsgemäß aus Schanghai abgemeldet hat. Sie ist daher nun zweimal hier polizeilich gemeldet, einmal als Chinesin, einmal (seit fast zwei Wochen) als Deutsche. Das ist eine Ordnungswidrigkeit, die je Monat mit einer Geldstrafe belegt wird. Weil dieser Zustand seit fast einem Jahrzehnt besteht, wird das teuer. Lilly fährt in die Stadt, um sich dieser überraschenden neuen Widrigkeiten zu widmen. Mein Angebot als Geleitschutz mitzukommen lehnt sie ab: Du würdest Dich nur noch mehr aufregen als ich. Bei der Meldebehörde stellt sich heraus, dass Lilly im Jahre 2000 als Beschäftigte einer kleinen Firma registriert wurde. Man verlangt eine Bescheinigung der Firma, dass sie dort nicht mehr arbeitet. Lilly erklärt, dass sie nur wenige Monate dort tätig war und gar nicht wisse, ob das Geschäft noch existiert. Daraufhin wird auf die Bescheinigung verzichtet. Sie muss aber für die Zeit seit ihrer Auswanderlung nach Deutschland pro Monat die vorgeschriebene Strafgebühr zahlen, weil sie sich nicht abgemeldet hat. Dann erhält sie die Bestätigung darüber, als Chinesin abgemeldet zu sein. Dieses Dokument wiederum muss dort überreicht werden, wo unsere Pässe zur Verlängerung der Visa liegen. Endlich gegen 17 Uhr nach ganztätiger Anstrengung ist alles erledigt, und Lilly ist wieder in der Wohnung angekommen, auch erledigt. Abends lädt Lilly Bruder den ganzen Clan zum Essen ein. Das Restaurant gehört einer erfolgreichen Kette von Esslokalen an und verteilt gedruckte Informationen über seine Corporate Culture. Darin lesen wir, dass der Buddhismus mit seinen Grundkategorien Mitleid, Liebe und Leere (emptiness) zu den Grundlagen der Unternehmenskultur gehört. Das Essen schmeckt trotzdem.

Woche 26: Sonntag, 13. Februar – Samstag, 19. Februar 2011 in Schanghai

Sonntag, 13. Februar 2011 Die U-Bahn wird – so gestern für Lilly – zur alltäglichen Selbstverständlichkeit. Dazu muss ich noch ergänzen, dass am Zugang jeder Station das Handgepäck durchleuchtet wird, wie wir das von Flughäfen kennen. Der Fahrkartenverkauf geschieht automatisch mit Rückgabe von Wechselgeld auch in Scheinen (nicht, wie in München, nur in Münzen). Heute sind Lilly und ich mit den drei Kindern von der muslimischen Freundin und ihrem Mann zum Essen in einem muslimischen Restaurant eingeladen. Der Ehemann holt Lilly und mich an der U-Bahn ab, und als wir zusammen in dem Lokal eintreffen, spüre ich sofort, dass die Stimmung anders, irgendwie heiter, ist. Das Restaurant ist voll besetzt, auf einer kleinen Bühne tanzt eine sehr hübsche Frau in kasachischer Volkstracht, die Musik erinnert mich an Bauchtanz, aber darum handelt es sich hier nicht, sondern die voll bekleidete Tänzerin macht ganz andere und sehr elegante Bewegungen, besonders mit ihren Händen hoch über dem Kopf. Wir haben ein kleines eigenes Zimmer, und wenn wir die Tür offen lassen, fällt der Blick auf die Bühne. Lillys Schulfreundin, wieder – wie seit der Mekkafahrt wohl immer – in streng muslimischer Kleidung, ist enttäuscht darüber, dass wir ohne die Kinder kommen, doch das stellt sich bald als wichtige Voraussetzung für die Thematik unserer Gespräche heraus. Lilly übersetzt wieder, ich kann meine Fragen und Bemerkungen auf Deutsch machen, und wir beginnen mit der gemeinsamen Verehrung für Abraham. Dabei taucht Sara in ungünstigem Licht auf, weil sie darauf besteht, dass Hagar mit dem Stammvater der Muslime, dem neugeborenen Ismael, zum Verdursten in die Wüste geschickt wird. Lillys Freundin meint, dass dürfe man nicht Sara vorwerfen, denn Allah selbst  habe dem Abraham im Traum befohlen, das zu tun, und dabei sei dem Allerhöchsten schon klar gewesen, dass er Hagar und ihr Kind retten werde. Bei der Mekkafahrt schreiten die Muslime aus aller Welt die Strecke ab, auf der die verzweifelte Mutter für ihr durstiges Kind nach Wasser gesucht hat. Lillys Freundin erwähnt auch – wie sie meint –  Gemeinsamkeiten im Glauben mit den Christen: Maria sei vom Heiligen Geist schwanger gemacht worden und dabei Jungfrau geblieben, Jesus sei ein großer Prophet, nur eben kein Gott. All dies glauben die Moslems. Mir ist fraglich, inwieweit hier wirklich Gemeinsamkeiten bestehen, zumal es im Lager der Christen leider gewaltige Unterschiede gibt. Die Unterhaltung wendet sich dann praktischen Gemeinsamkeiten im Umgang mit aktuellen Problemen im heutigen China zu und kann aus verschiedenen Gründen hier nicht wiedergegeben werden. Dieses Gespräch zu viert wird ein ähnlicher Höhepunkt meiner Chinareise, wie die Begegnung mit der Polizistin und dem Schamanen am letzten Abend in Sanya. Unsere beiden Gastgeber sind Muslime, wie ihre Vorfahren. Ich erkundige mich: Beide stammen von Zuwanderern ab, die vor etwa 600 Jahren aus Persien nach China kamen. (Vor – in Worten – sechshundert Jahren!) Montag, 14. Februar 2011 Es wird noch einmal drastisch kälter, bis zu 4 Grad unter null. Die Kinder verbringen den Nachmittag wieder auf der Rollschuhbahn und trainieren fleißig. Lilly entdeckt in einer Broschüre, die auf der Straße an Passanten verteilt wird, einen politischen Witz, den wir gemeinsam übersetzen: Scherzregel für richtiges Verhalten nach großen Vorbildern 1)     Wenn man nicht raucht und nicht trinkt, wird man 63 Jahre alt wie General Lin Biao (ein früher Konkurrent Maos um die Macht, der auf der Flucht in einem Flugzeug über der Mongolei mit seiner ganzen Familie abstürzte und umkam) 2)     Wenn man zwar trinkt, aber nicht raucht, wird man 73 Jahre alt wie Chou En Lai (beliebter früherer Regierungschef) 3)     Wenn zwar raucht, aber nicht trinkt, wird man 83 Jahre alt wie Mao Ze Dong (hinreichend bekannter großer Vorsitzender) 4)     Wenn man sowohl raucht als auch trinkt, wird man 93 Jahre alt wie Deng Xiao Ping (Pragmatiker, versagte der Studentenbewegung seine Unterstützung!) 5)     Wenn man raucht, trinkt, übermäßig isst, Prostituierte zu sich einlädt und sich dem Glückspiel hingibt, wird man 103 wie General Zhang Xue Liang (starb unter Hausarrest auf Taiwan). 6)     Wenn man jeden Tag Gutes tut und sein Leben ganz in den Dienst anderer stellt, wird man 23 wie Lei Feng (ein früher  Kommunist, der wegen seines Altruismus als Held bekannt wurde, auch weil er bei dem Versuch, einen Ertrinkenden zu retten, selbst ums Leben kam.) (Quelle: Werbebroschüre einer Frauenklinik in Schanghai, Febr. 2011). In Gauting bei München stirbt heute der Soziologe Karl Martin Bolte. Ich erfahre das erst Tage später. Dienstag, 15. Februar 2011 Um 10 Uhr treffe ich mich mit einer Studentin vom Sanya College, die in einem Vorort von Schanghai wohnt. Die Begegnung in Schanghai war ihre Idee, und ich bin nun froh, darauf eingegangen zu sein. Wir sitzen in dem Restaurant eines großen Hotels hier, und die sehr freundliche Kellnerin fragt, ob ich ihr Lehrer sei. Was sie antwortet kann man übersetzten als: Er ist ein Professor aus Deutschland, oder, wenn man die chinesischen Zeichen für Deutschland kennt, als Er ist aus dem Land der Tugend. Da werden schon erhebliche Erwartungen an das Verhalten eines Deutschen geweckt. Ich frage sie, wieso sie in Sanya studiert, obschon es hier in Schanghai und Umgebung so viele gute Hochschulen gibt. Ja, das ist ihr sichtlich peinlich, aber ihre Abiturnoten waren nicht besonders gut, gesteht sie. Sie sei übrigens in der Sekundarschule, bis sie 15 Jahre alt war, immer sehr gut gewesen, doch dann habe sie die Lust verloren. Ich bitte sie, mir den Schulalltag zu beschreiben. Aufstehen sei 6 Uhr früh, in der Schule nimmt man am Frühsport teil mit Rennen und Gymnastik. Ab 7 Uhr habe man in der Schulmensa sein Frühstück einzunehmen, ab 7:30 Uhr sitzt jeder im Klassenzimmer auf seinem Platz und liest laut (jeder gleichzeitig vor sich hin) Texte auf Chinesisch oder Englisch, die zu lernen aufgegeben waren, und dann beginnt der Unterricht um 8 Uhr. Mittagspause ist 11:40 Uhr bis 14:30 Uhr. Da kann man wahlweise heimgehen oder in der Schule essen. Dann ist Unterricht bis 17 Uhr mit einer Pause bis 19 Uhr. Wieder können die Schüler wahlweise in der Schule oder bei ihren Eltern essen. Die Abendperiode beginnt um 19 Uhr. Die Jugendlichen, die nicht Internatsschüler sind, kommen je nach Schulweg zwischen 21 Uhr und 21:30 Uhr nach Hause und setzen sich dann an ihre Hausaufgaben, mit denen sie bis gegen Mitternacht oder 1 Uhr nachts beschäftigt bleiben. Der Klassenraum muss spätestens bis 22 Uhr verlassen werden, weil dann dort das Licht ausgeschaltet wird, so dass die Internatsschüler ihre weitere Arbeit in die Schlafräume verlegen müssen. Mich erfüllt diese Beschreibung mit Entsetzen, und ich halte das für doch wohl etwas übertrieben dargestellt; aber später bestätigt mir Lilly, dass das schon zu ihrer Schulzeit so war, und wir kommen zu der Einsicht, dass sich offenbar daran in den vergangenen zwei Jahrzehnten kaum etwas geändert hat. Meine Studentin ist begeistert von ihrem Studium der Garten- und Landschaftsarchitektur, das sie nun in Sanya begonnen hat, weil sie da zum ersten Mal kreativ sein darf und sogar soll! Sie kritisiert noch an der Gymnasialzeit den hohen Anteil moderner Mathematik, der einige der jungen Leute stark belaste und für den es in der Berufspraxis kaum Anwendungsmöglichkeiten gebe, außer vielleicht, wenn man Mathematik studiere. Ich erwähne noch meine Überraschung, als ich bei meiner Ankunft am Sanya College die Studenten alle in Uniformen mit militärischem Training beschäftigt fand. Ja, aber das seien sie alle schon seit ihrer Schulzeit so gewohnt, und das diene der Abhärtung: Man müsse es eben notfalls aushalten können, wenn man z.B. lange in der Mittagshitze aufrecht steht. Mittwoch, 16. Februar 2011 Zwölf Tage vor dem Rückflug nach München unternehmen Lilly und ich vormittags wieder die cross-metropolis U-Bahnfahrt, die uns in einer guten halben Stunde mit hoher Geschwindigkeit zur Polizeizentrale führt. Es geht nur darum, die fünf Pässe mit den verlängerten Visa zu bezahlen und abzuholen, und das geht schnell. Doch dann sehen wir, dass in dem Pass unserer Lisa auf dem eingeklebten Visum der zweite Vorname falsch geschrieben ist. Ratlosigkeit! Soll man das einfach ignorieren? Zwei Stockwerke höher bei der Beantragung von Visa schaut ein Polizeimajor im Computer nach, und stellt fest, dass der Fehler auch dort besteht. Sehr höflich bietet er an, die Korrektur des Visums noch am gleichen Tage vornehmen zu lassen; doch wir können nicht heute noch einmal kommen, also müssen wir am Donnerstag wieder herreisen. Gegen 16 Uhr machen wir fünf uns auf den Weg zu einer kombinierten U-Bahn-Taxi-Fahrt zu dem Soziologen Yu Hai von der Fudan Universität. Die Taxe steht im Stau, es ist ein ungewöhnlich enger Feierabendverkehr, weil heute abends noch einmal in den Familien das neue Jahr gefeiert wird. Die von mir so geliebten Feuerwerkskörper sind wieder allgegenwärtig: In dieser Hinsicht ist dies ein Tag wie bei uns Sylvester. Endlich, bei dem Fußweg von der Taxe zur Wohnung des Professors, verstehe ich, wieso man am 14. Tag des neuen Jahres immer noch feiert. Heute ist Vollmond. Das Neujahrsfest begann, als der Mond nach der Finsternis der Neumondzeit eine erste ganz schmale Sichel zeigte. Dann hat man ihn zwei Wochen lang in seinem Wachstum begleitet und ermutigt, und heute ist es endlich geschafft: Er strahl voll und rund vom Himmel herab! Damit enden die Neujahrsfeiern. Yu Hai spricht gut Englisch, und bei und nach dem Essen kommt es zu den unvermeidlichen Soziologengesprächen zwischen ihm und mir. Er nennt mir auch den Namen eines Simmel-Experten, der an der Universität von Nanjing lehrt. Donnerstag, 17. Februar 2011 Lilly und ich fahren noch ein weiteres Mal zur Polizeizentrale, um endlich auch Lisas Pass abzuholen. Man hat das korrigierte Visum so geschickt auf das falsche draufgeklebt, dass niemand mehr den Fehler sehen kann. Damit steht einer legalen Ausreise von uns Fünfen nichts mehr im Wege. Freitag, 18. Februar 2011 Die Nachricht von Boltes Tod und der Umgang damit im Institut für Soziologie in München beschäftigen mich und versetzen mich in depressive Stimmung. Samstag, 19. Februar 2011 Gestern kam es zu einem Volksaufstand in Wisconsin, U.S.A., von denen die Medien heute im Gleichklang mit den Vorgängen in Tunesien, Ägypten und Bahrain berichten. Mir fällt wiederholt auf, dass die U.S.A. im direkten Vergleich mit China (auch) keine gute Figur machen. Lilly und ich fahren zur Vorabendmesse, die um 18 Uhr in der Kathedrale des Hl. Ignatius stattfindet. In der riesigen Kirche mit vielleicht 3000 Plätzen sitzen etwa 300 Gläubige. Es ist bitter kalt. Ein Chor singt sehr schön, Der Priester kommt mit einem Ministranten. Den altvertrauten Introitus mit dem dreimaligen mea culpa beten alle mit. Die beiden ersten Lesungen tragen zwei junge Damen vor. Als der Zelebrand das Evangelium über die Feindesliebe verkündet, habe ich den Eindruck, als ob Gott zu mir spricht: Das überrascht Dich wohl, dass ich auch Chinesisch kann? Die Predigt betont die Feindesliebe im Kontext der Forderung nach Gerechtigkeit und erwähnt, dass Jesus, als er geschlagen wurde, fragt: Wenn ich etwas falsch gemacht habe, dann erkläre es mir, wenn ich nichts falsch gemacht habe, warum schlägst Du mich dann? Das Credo wird im gregorianischen Choral gemeinsam gesungen, aber nicht auf Lateinisch, sondern auf Chinesisch.

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