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Abschied aus der Wohnung in Sanya: Horst Helle mit seinen drei Kindern und zwei seiner Studenten

China-Tagebuch Teil 12 - Erlebnisse als Gastprofessor am Sanya College auf der Insel Hainan

Prof. Dr. Horst Helle

07.02.2011 | Soziale Arbeit | Schwerpunkte Kommentare (0)

Der Soziologe Prof. Dr. Horst Helle befindet sich, vermittelt von der Stiftungsinitive Johann Gottfried Herder im Deutschen Akademischen Austauschdienst, seit Ende August 2010 noch bis Ende diesen Monats als Gastprofessor in China. Für Sozial.de berichtet er exklusiv von seinen Erfahrungen in der Lehre, aber auch aus seinem Alltag.

Hintergrund

Der Soziologe Horst Jürgen Helle wurde von der Stiftungsinitive Johann Gottfried Herder im Deutschen Akademischen Austauschdienst aus dem Ruhestand zurückgeholt und als Gastprofessor an das südlichste Kollege der Volksrepublik China nach Sanya auf der Insel Hainan vermittelt. Er ist seit 2002 mit einer Deutschen chinesischer Abstammung verheiratet, so dass er immer einer Übersetzerin bei sich hat. Helle und seine Frau Lilly haben drei Töchter: Lisa (8), Rita (5) und Emmy (3).

Woche 23: Sonntag, 23. Januar – Samstag, 29. Januar 2011

Sonntag, 23. Januar 2011 Auf Einladung von Tracy treffen wir alle sieben zum Frühstück am Holiday Inn Resort ein und lassen uns ausführlich von ihr und von Jeremy berichten, was es Neues aus den U.S.A. gibt, wo beide mit ihrem kleinen Sohn gerade drei Wochen lang waren. Es wird ein entspannter und sehr erholsamer Sonntag bei sommerlichem Wetter. Montag, 24. Januar 2011 Heute ist der Geburtstag meiner Mutter. Sie hätte an diesem 24. Januar ihren 101. Geburtstag gefeiert, wäre sie nicht am 6. November 2005 gestorben. Dienstag, 25. Januar 2011 Unser letzter voller Tag auf dem College Campus. Er wird teils mit letzten Arbeiten am Computer, teils mit Aufräumen und Packen verbracht. Ich unternehme am Spätnachmittag einen langen nostalgischen Spaziergang allein auf dem großen Campus und mache Fotos in Erinnerung an die vergangenen schönen fünf Monate. Mittwoch, 26. Januar 2011 Dies ist der Tag unserer Abreise aus dem College, obschon wir erst morgen von Sanya nach Schanghai fliegen. Wir sind mittags in der Stadt zu einem Abschiedsessen mit Leuten von Social Development verabredet, wobei noch einmal davon die Rede ist, dass wir bald wiederkommen sollten. Von dort aus fahren wir mit unserem gesamten Reisegepäck noch einmal zum Holiday Inn Resort, wo wir als Gäste von Tracy unsere letzte Nacht auf der Insel Hainan verbringen. Am Hotelempfang sind die Temperaturen für den Tag unserer Abreise vorausgesagt: Sie sollen zwischen 16 (morgens) und 26 (mittags) Grad liegen. Tracy und Jeremy leiden noch unter der Zeitverschiebung zwischen Washington D.C. und China und ziehen sich relativ früh zurück. Die neue „kleine Schwester“ Lillys von der Polizei hatte mit einer Bronchitis zu kämpfen, was sie mindestens zum Teil dem Staub zuschreibt, von dem sie beim Abreißen der illegal gebauten Häuser umgeben war. Doch nun will sie trotzdem gleichsam in letzter Minute noch eine Begegnung der beiden Familien erreichen: Sie kommt mit Mann und kleinem Sohn spät abends in unsere Hotelunterkunft, und die drei bleiben bei angeregter Unterhaltung bis Mitternacht. Die Polizeibeamtin ist eine sehr hübsche Nordchinesin aus der Gegend um Peking, und ihr Mann gehört der Minderheit der Li an, die hier auf dieser Insel und auch in diesem Tagebuch als local people oder Eingeborene bezeichnet werden. Diese verschiedenen Ursprünge der beiden werden noch durch einen großen Unterschied der Hautfarbe betont: Sie ganz hell, er vergleichsweise dunkel. Er erzählt zuerst ganz bescheiden von Heilerfolgen, die er mit traditionell chinesischen Methoden hatte. Von dort führ uns das Gespräch zum Taoismus, in dem er schon in seiner Jugend eine Ausbildung von Weisen oder Meistern erhielt. Dann schloß sich bei dem Ehemann der Polizistin eine Ausbildung in Strafrecht in Peking an und eine vorübergehende Beschäftigung bei Gericht. Doch das alles machte ihn nicht froh, und so kam er heim auf diese Insel und widmete sich dem Taoismus und Buddismus, die sich anscheinend konfliktfrei kombinieren lassen. Da Lilly übersetzt, kann ich ein Fachgespräch über Fragen der Religion mit ihm führen. Dabei stellt sich schließlich heraus, dass er ein Schamane ist, und dass er auch Exorzismen erfolgreich ausgeführt hat. Nicht ganz ohne Stolz betont er aber, dass er für seine Dienste als Heiler oder Exorzist niemals Geld genommen habe. Ich frage, wie er Geld verdiene, weil aus dem Zusammenhang klar geworden war, dass die kleine Familie nicht nur von dem Monatsgehalt der Polizistin lebt. Er sei Geschäftsmann, sagt er. Welche Geschäfte er denn mache, frage ich. Er sei Fischzüchter und Fischhändler. Außerdem sei er aktiver Buddhist, gelte als Reinkarnaion eines „Heiligen“ und sei Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas. Ein bemerkenswerter Mann! Ich frage noch die Polizistin, ob es manchmal für sie unheimlich sei, mit einem Schamanen verheiratet zu sein. Lilly muss laut lachen, als sie meine Frage übersetzt. Ja, ein wenig sei es das für sie schon, aber sie, die Polizistin, sei wie ihr Mann dem Buddhismus verbunden, und das schaffe ein einendes Band zwischen ihnen. Sie glaube fest an die religiösen Fähigkeiten ihres Gatten. Zum Abschied bietet er noch an, dank seiner transzendenten Kräfte dafür sorgen zu können, dass mein nächstes Kind ein Sohn werde. Das erschüttert bei mir dann doch die zunächst gehegte Vermutung, dass er über visionäre Fähigkeiten verfügt. Donnerstag, 27. Januar 2011 Nach dem Abschlussabend mit Polizistin und Schamane können wir zum Glück ausschlafen, weil unser Flug nach Schanghai erst für 18:05 gebucht ist. Wir sind mit einem Bekleidungsproblem konfrontiert, weil einerseits die vorausgesagten Temperaturen hier tatsächlich eintreten, weil wir aber andererseits nach Norden in den Winter fliegen. Dieser Konflikt wird dadurch gemildert, dass wir die Hotelsuite bis 16 Uhr behalten dürfen, also nicht schon stundenlang in Winterkleidung herumlaufen müssen. Ein Holiday Inn Kleinbus fährt kurz nach 16 Uhr uns sieben mit unserem umfangreichen Gepäck zu dem nahegelegenen Flughafen von Sanya, und der Abschied von Jeremy, Tracy und Hunter wird herzlich. Sie wollen uns in München besuchen. Am Flughafen verläuft alles planmäßig. Der Flug Sanya – Schanghai dauert zweieinhalb Stunden, und gegen 21 Uhr sind wir im Winter angekommen. Der Temperaturunterschied von mehr als 20 Grad und das mir aus meinen Hamburger Tagen vertraute Schmuddelwetter mit Nieselregen um den Gefrierpunkt herum ist schon eine Herausforderung nach fünf Monaten in den Tropen. Erschwerend kommt hinzu, dass in Schanghai die Wohnungen alle keine Zentralheizungen haben, so dass man sich mit der auf „warm“ umgeschalteten Klimaanlage behelfen muss. Lillys Bruder, dessen Frau und deren kleine Tochter treffen uns in Pudong am Großflughafen der Monsterstadt, von der niemand genau weiß, wie weit die Einwohnerzahl über oder unter 20 Millionen Menschen liegt. Wir legen in zwei Autos, eins von Lillys Bruder, das andere von dessen Frau gesteuert, die mehr als 50 km vom Flughafen in das Wohnviertel zurück, in dem wir nun für die Dauer des Februars zu Hause sind. Freitag, 28. Januar 2011 Aus dem Flugzeug habe ich die englischsprachige Ausgabe der Zeitung Shanghai Daily vom 27. Januar 2011 mitgenommen, die im Feuilleton in einem ganzseitigen Bericht von Yao Minji  das Heimfahren junger Erwachsener zu ihrem Herkunftsfamilien behandelt. Dieser alte Brauch führt in den Tagen vor dem Chinesischen Neujahrsfest ein kaum vorstellbares Anschwellen des Personenverkehrs in diesem Riesenland herbei. Der 2. Februar nach dem in der ganzen Welt normalen Kalender ist nach dem Mondkalender Chinas der Altjahrsabend, unserem Sylvester vergleichbar, und bis dahin möchte (fast) jeder bei seiner Familie eingetroffen sein. Der Artikel von Yao Minji beschreibt überzeugend, dass viele Chinesen der jüngeren Generation die Reise mit gemischten Geführen – oder in einigen Fällen auch entgegen den Erwartungen ihrer Eltern gar nicht – unternehmen. Das stimmt mit einigen Beobachtungen überein, die ich auf dem College Campus gemacht hatte. Für manche, die fern der Heimat beruflich erfolgreich sind, ist die Fahrt zu den Eltern aufs Land aus Anlass des traditionellen Neujahrsfestes eine Reise in die Vergangenheit. Man muss sich dort peinlichen Fragen stellen, warum man denn noch immer nicht verheiratet sei. Mancher wird dann kurzerhand verheiratet und traut sich nicht, dagegen zu rebellieren. Auf jeden Fall muss der junge Erwachsene damit rechnen, von seinen Eltern den Nachbarn präsentiert zu werden, als der erfolgreiche Nachkomme seiner Familie und der Stolz seiner Eltern. Das kann, in Fällen, in denen das nicht eigentlich zutrifft, in denen aber doch der Anschein erweckt werden soll, dass es so sei, finanziell aufwendige Übertreibungen zur Folge haben, die den jungen Besucher mehr Geld kosten, als er in Wahrheit zur Verfügung hat. So sagt der Zeitungsartikel voraus, dass wohl im Laufe der Jahre, mehr und mehr junge Chinesen die traditionelle Reise nicht mehr unternehmen werden, und dass sich vielleicht der Trend umkehrt: Man fährt nicht aufs Land zu den Eltern, sondern lädt die Eltern zum Neujahrsfest zu der jungen Familie in die Stadt ein. Das kostet aber auch Geld und kann erst von den schon einigermaßen etablierten Kindern der Alten verwirklicht werden. Samstag, 29. Januar 2011 Die U-Bahn Schanghais ist sehenswert. Sie ist vermutlich auf dem technisch neuesten Stand. Über die ganze gewaltige Länge des Bahnsteigs erstreckt sich eine Glaswand mit Schiebetüren, die sich erst zum Aus- und Einsteigen öffnen, wenn der eingefahrene Zug zum Stillstand gekommen ist, und sich dort ebenfalls die Türen öffnen. Diese höchst aufwendige Baumassnahme wurde beschlossen, weil immer wieder einmal im Gedränge des Berufsverkehrs wartende Fahrgäste unter den einfahrenden Zug gedrückt worden waren. Sitzplätze finden sich nur entlang der Außenwände der Züge. Die Sitzenden schauen also stets ins Innere des Waggons und niemals in Fahrtrichtung oder entgegengesetzt. Das verschafft den Zügen ein Maximum an Stehplätzen. Sie verkehren geräuscharm und schnell und sind verglichen mit Deutschland im Fahrpreis billig: Eine Fahrt vom Stadtrand ins Zentrum kostet umgerechnet etwa einen halben Euro!

Woche 24: Sonntag, 30. Januar – Samstag, 5. Februar 2011

Sonntag, 30. Januar 2011 Der Sonntag wird wegen der sich in der kommenden Woche ereignenden Festlichkeiten im Werktagsmodus verbracht. Er ist gleichsam ein vorweggenommener – oder vorgearbeiteter – Arbeitstag. Das Wetter hat sich sonnig aufgehellt und die Temperaturen des Schanghai-Winters liegen zwischen Null und fünf Grad darüber. Der Stadtbezirk hier in der Nähe das alten Flughafens heisst „Sieben Schätze“ oder, vielleicht besser übersetzt „Zu den sieben Kostbarkeiten“. Lilly und ich machen eine langen Spaziergang, zuerst zur Polizei wegen der Anmeldung von uns fünf Deutschen hier. Das scheitert, weil ein Mietvertrag vorgelegt werden muss, den wir nicht bei uns tragen. Dann sitzt am Weg ein Bettler, dem Lilly etwas gibt. Dann sitzt am Weg – alles Mitten in Schanghai – eine Frau, die etwas auf die Platten des Gehwegs geschrieben hat. Ich erkundige mich nach der Inschrift. Es heißt: „Ich kann Ihre Zukunft voraussagen, fragen Sie mich bitte danach!“ Wir tun das aber nicht. Wir essen in einem traditionsreichen Restaurant. Der bestellte Fisch wird vor der Zubereitung in einer Plastiktüte am Tisch vorgezeigt. Lilly schaut ihn an. Da er sich nicht bewegt, schüttelt der Oberkellner die Tüte, um den Fisch zu animieren. Da der unbeweglich bleibt, schnuppert Lilly daran. Er riecht nicht schlecht, also wird die Erlaubnis zur Zubereitung gegeben, obschon er nicht gezappelt hat. Montag, 31. Januar 2011 Die polizeiliche Meldung gelingt. Das dauert eine Stunde und strapaziert die Geduld der Beamtin, die gewohnt ist, die Daten eines Ehepaars einzugeben, die aber bei einer fünfköpfigen Familie nach dem dritten Pass die Geduld verliert und eine jüngere (und im Rang niedrigere) Kollegin beauftragt, die beiden verbleibenden Pässe zu  bearbeiten. Eines der Einkaufszentren, das man gehend erreichen kann, hat im oberen Stockwerk eine Rollschuhbahn. Dort abonniert Lilly für alle drei Mädchen einen Kurs, in dessen Verlauf sie lernen sollen, sich auf Inline-Skates sicher zu bewegen. Das wird nun den ganzen Februar über täglich geschehen. Ich schaue zu und staune, wie schnell Lisa das lernt. Auch Rita und sogar die kleine Emmy machen trotz vieler Stürze tapfer mit. Ganz souverän fährt die Tochter von Lillys Bruder. Sie hat diesen Kurs schon länger besucht. Dienstag, 1. Februar 2011 Shopping zu gehen ist mehr als nur die Pflicht, notwendige Einkäufe zu machen. Es ist ein Ritual, das zahllose Chinesen pflegen, und es ist auch eine Lieblingsbeschäftigung in der Freizeit, selbst wenn man kein Geld ausgeben will – oder kann. Besonders in diesen Tagen vor dem Neujahrsfest, sind alle Einkaufszentren und Kaufhäuser ständig stark besucht. Ganz im Unterschied zu deutschen Gepflogenheiten wird normalerweise um den Preis gehandelt. Lilly schaut an einem Kinderbekleidungsstand eine Kinderhose an, und sofort kommt ein Verkäufer und sagt: „Wenn es Ihnen gefällt, können wir über den Preis ja reden.“ Wir kaufen Nahrungsmittel ein, und es stellt sich heraus, die Orangen kommen aus Kalifornien und der Cambertkäse wurde hergestellt in Heising in Bayern. Mittwoch, 2. Februar 2011, Altjahrsabend in China Dieser Mittwoch ist in diesem Jahr in China und benachbarten Bevölkerungen Asiens (z.B. Korea) dem Sylvester unseres Kalenders vergleichbar. Doch während wir uns darauf verlassen können, dass der letzte Tag unseres Jahres stets auf den 31. Dezember fällt, wechselt der Termin des chinesischen Jahresendes ähnlich, wie wir das von unserem Osterfest kennen. Er kann von Ende Januar bis Mitte Februar variieren, und im Jahre 2011 fällt er eben auf den 2. Februar. Den Tag über wird in jedem Haushalt intensiv gekocht, denn bald nach Sonnenuntergang beginnen in allen Großfamilien – selbst für chinesische Verhältnisse – üppige Mahlzeiten. Was besonders intensiv an unser Jahresende erinnert, ist das Abbrennen von Feuerwerk und Knallkörpern. Das setzt sporadisch schon am Nachmittag hier ein. Abends gibt es im Haushalt von Lillys Eltern das große Neujahrsessen. Leider kann mein Schwiegervater wegen Krankheit nicht teilnehmen. Dann beginnt das Abrennen von Knallkörpern, das sich bis etwa 2 Uhr morgens fortsetzt und wohl auch daran erinnert, dass es dieses Lande war, in dem das Schießpulver erfunden wurde. Donnerstag, 3. Februar 2011, erster Tag im Jahre des Kaninchens (oder des Hasens?) Während sich in Ägypten der zehnte Tag eines Volksaufstands ereignet, ist China ganz mit sich selbst beschäftigt. Am ersten Tag des neuen Jahres hat jeder seine Eltern – oder eine Frau, die verheiratet ist, mit ihrem Ehemann zusammen dessen Eltern – zu besuchen. Auch ein Besuch bei dem Chef, dem man beruflich verpflichtet ist, und bei den Nachbarn wird heute erwartet. Morgen, am zweiten Tag des Jahres, gehen die Ehepaare und jungen Familien zu den Eltern der jungen Ehefrau. Dem Familientypologen macht es Spass, zu sehen, wie der erste Tag dem patrilinealen, und der zweite Tag dem matrilinealen Prinzip verpflichtet ist. Nur habe ich noch nicht ganz klären können, ob es sich bei dem Jahr, das nun in Asien begonnen hat, um das des Kaninchen oder des Hasen handelt. Der Unterschied zwischen diesen beiden Tieren interessiert anscheinend hier weniger. In Deutschland möchte ich ja meine Ostereier nicht vom Osterkaninchen bekommen. Solche Gleichgültigkeit über die genaue Bestimmung eines Tieres erinnert mich an den Vergleich Maus – Ratte. Für den Chinesen ist die Ratte nur eine Supermaus, die schon rein quantitative noch unsympatischer ist als das kleinere Nagetier ähnlicher Machart. Doch im Umgang mit deutschen Damen sollte der junge Chinese sich genau überlegen, ob er „mein Mäuschen“ oder „hallo, du kleine Ratte“ sagt. Der Überblick über die Liste der zwölf Jahre nach dem uralten chinesischen Kalender deutet dann daraufhin, dass die U.S.A.-freundliche Übersetzung als year of the rabbit eher falsch ist, und die deutschen Sinologen haben von jeher vom Jahr des Hasen geschrieben. Sie übersetzten aber auch als Büffel, wo man ebenso gut von Kuh reden könnte (es kommt vielleicht darauf an, wessen Geburtstag man gerade deuten möchte).
  1. : Ratte ( shŭ) angriffslustig
  2. chŏu: Büffel ( niú) sanft
  3. yín: Tiger ( ) verwegen
  4. măo: Hase ( ) gutmütig
  5. chén: Drache ( lóng) geistreich
  6. : Schlange ( shé) schlau
  7. : Pferd ( ) ungeduldig
  8. wèi: Schaf ( yáng) artig
  9. shēn: Affe ( hóu) wendig
  10. yŏu: Hahn ( ) stolz
  11. : Hund ( gŏu) treu
  12. hài: Schwein ( zhū) ehrlich
Hase (oder Kaninchen) heisst also hier Tu und wird auch für uns einleuchtend als gutmütig gedeutet. Das Mao in der Liste vor dem Wort Hase hat mit dem großen Vorsitzenden nichts zu tun, wird auch auf Chinesisch anders geschrieben und ausgesprochen, und bedeutet hier einfach Viertes Jahr. Das Dritte Jahr, das gerade vorüber ist, galt als dem Tiger gewidmet und ging tatsächlich mit einer eher verwegenen Aussenpolitik einher. Da gibt nun der Hase mit seiner Gutmütigkeit Anlaß auch zu aussenpolitischen Hoffnungen für die Partner Chinas. Freitag, 4. Februar 2011, zweiter Tag im Jahr des Hasen Die Ursprünge der Idee vom Jahr des Hasen beschäftigen mich auch heute noch weiter: Der Legende nach lud Buddha, nach anderen Quellen der mythologische Jade-Kaiser Yu Di „[…] einst alle 13 Tiere der Tierkreiszeichen zu einem Fest ein. Die Katze gehörte ursprünglich auch dazu. Die Maus erzählte jedoch der Katze, dass das Fest einen Tag später stattfinden würde. Die Katze legte sich schlafen und träumte vom Fest. So kam es, dass nur zwölf Tiere, alle außer der Katze, zum Fest kamen. Das erste Tier war die Ratte (Maus), ihr folgten der Büffel (das Rind), der Tiger, der Hase, der Drache, die Schlange, das Pferd, die Ziege (das Schaf), der Affe, der Hahn (das Huhn), der Hund und schließlich das Schwein. Jedes Tier bekam ein Jahr geschenkt, und er benannte es nach ihm. So erhielt die Ratte das erste, der Büffel (das Rind) das zweite, der Tiger das dritte Jahr und das Schwein schließlich das zwölfte. Dies geschah in der Reihenfolge, in der sie gekommen waren. Alle erklärten sich damit einverstanden. Da die Katze nicht kam, wurde ihr auch kein Jahr zugeteilt, und sie wurde somit ausgeschlossen.“ (Wikipedia). Jeder Zeitkreis beginnt mit einem „Jahr der Ratte“, das in zwölfjähriger Folge wiederkehrt (1960, 1972, 1984, 1996, 2008, 2020 und so folgend). Da den Tierzeichen zusätzlich für jedes Jahr ein Element aus der 5-Elemente-Lehre Wasser, Feuer, Holz, Metall oder Erde zugeordnet wird, gibt es nicht nur das „Jahr der Ratte“, sondern das Jahr der „Wasser-Ratte“ und das Jahr des „Feuer-Tigers“. Ein solcher Zeitkreis dauert 60 Jahre und beginnt dann wieder von vorne. Die 60jährige Periode begann, der Legende nach, 2637 v. Chr. Dem folgend werden die Zeichen, Elemente, Yin und Yang sowie Planeten auch zur Bezeichnung der Jahre, Monate, Tage und Stunden gebraucht. (Wikipedia). Den Spätnachmittag verbringen wir wieder beim Rollschuhunterricht für unsere drei Mädchen und ihre Kousine. Samstag, 5. Februar 2011, dritter Tag im Jahre des Hasen Heute, am dritten Tag des Jahres sollten nach der Tradition einiger Provinzen Chinas die Gräber der Vorfahren besucht werden. Das dürfte einer der Gründe dafür sein, daß zum Neujahrsfest eine so große Reisewelle einsetzt, denn die Gräber der lieben Toten sind am Herkunftsort der Familie zu finden. Hier in Schanghai hat niemand aus unserer Familie seine Vorfahren begraben, und so kann der Brauch, heute an die Gräber zu gehen, von uns nicht erfüllt werden. Weil die Familien – auch hier in Schanghai – in diesen Neujahrstagen so stark auf sich selbst zurückgezogen leben, ist es in der Öffentlichkeit ungewöhnlich ruhig, vielleicht wie bei uns zu Weihnachten. Doch das endet in der kommenden Woche, und dann werden wir uns diese faszinierende Riesenstadt näher anschauen. Schon heute sind die Restaurants wieder stark ausgebucht. Die Gäste treten dort im Familienverband auf, fast immer als Gruppe, der drei Generationen angehören. Als wir vom Essen im Lokal heimkommen, berichtet das Staatsfernsehen aus München von der Sicherheitskonferenz und von deren besonderer Bedeutung, die sie zusätzlich durch die Ägyptenkrise erhalten hat. Dazu werden Bilder aus dem Hotel  Bayerischer Hof gezeigt, die mich zusätzlich ungeduldig machen, nach München heimzukehren.

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Olaf Dörner, Peter Loos, Burkhard Schäffer u.a. (Hrsg.): Dokumentarische Methode. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 154 Seiten. ISBN 978-3-8474-2074-3.
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