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Die Studenten haben zum Ende des Semsters ein Abschiedsfest für Prof. Helle organisiert. Abschiedsfeier am Sub-College for Social Development

China-Tagebuch Teil 10 - Erlebnisse als Gastprofessor am Sanya College auf der Insel Hainan

Prof. Dr. Horst Helle

13.01.2011 | Soziale Arbeit | Schwerpunkte Kommentare (0)

Der Soziologe Prof. Dr. Horst Helle befindet sich, vermittelt von der Stiftungsinitive Johann Gottfried Herder im Deutschen Akademischen Austauschdienst, seit über 20 Wochen als Gastprofessor in China. Für Sozial.de berichtet er exklusiv von seinen Erfahrungen in der Lehre, aber auch aus seinem Alltag

Hintergrund

Der Soziologe Horst Jürgen Helle wurde von der Stiftungsinitive Johann Gottfried Herder im Deutschen Akademischen Austauschdienst aus dem Ruhestand zurückgeholt und als Gastprofessor an das südlichste Kollege der Volksrepublik China nach Sanya auf der Insel Hainan vermittelt. Er ist seit 2002 mit einer Deutschen chinesischer Abstammung verheiratet, so dass er immer einer Übersetzerin bei sich hat. Helle und seine Frau Lilly haben drei Töchter: Lisa (8), Rita (5) und Emmy (3).

Woche 19: Sonntag, 26. Dezember – Samstag, 1. Januar 2011

Sonntag, 26. Dezember 2010, Zweiter Weihnachtstag Wenn dieses Tagebuch über kommende Ereignisse im Februar in Schanghai und bis zur Rückkehr nach Deutschland am 1. März 2011 weitergeführt werden soll, dann jedenfalls nicht in der bisherigen Form. Für eine Veränderung gibt es zwei Gründe: Einmal sind viele Berichte nicht an einen bestimmten Tag gebunden, sondern beziehen sich auf Zustände, die hier langfristig gegeben sind. Zum anderen müssen sensible Informationen so niedergeschrieben werden, dass eine Identifikation der Quelle sicher ausgeschlossen werden kann. Das folgende Beispiel ist allerdings eher amüsant als sensibel. Zu den Campusgeschichten, für die es keine zuverlässige Bestätigung gibt, gehört diese: In dem ursprünglichen Gebäude der Musikabteilung des College fällt den Mitgliedern des Wachpersonals nachts auf, das jemand Klavier spielt. Einer der Männer wird zum Nachschauen geschickt, findet aber niemanden. Bald kehren die Klänge eines Klaviers wieder. Die Wächter beschließen nach gründlicher Durchsuchung des ganzen Bauwerks, dass es sich um eine Geistererscheinung handelt und verlassen fluchtartig das Gebäude. Auf den Befehl ihres verärgerten Vorgesetzen, den Dienst sofort wieder aufzunehmen, reagieren sie mit Kündigung. Die Musikabteilung ist inzwischen in einen Neubau umgezogen, und das Gebäude mit den nächtlichen Klavierklängen bleibt einstweilen ungenutzt (wofür es vermutlich eine rein planungstechnische Erklärung gibt). Montag, 27. Dezember 2010 In der Einführungsveranstaltung findet die Abschlussklausur statt. Wir sind zu dritt anwesend: Lilly, der Tutor und ich, um das ethische Niveau der Klausur dadurch möglichst hoch zu halten, dass wir das Abschreiben vom Nachbarn zu reduzieren suchen. Eine Tätigkeit dieser Art habe ich im Laufe meines Lebens oft ausgeübt, aber noch niemals am 27. Dezember. Von dem Verhalten der hiesigen Studenten bin ich angenehm überrascht. Was die Neigung zur illegitimen Beschaffung von Informationen angeht, bin ich aus Deutschland Schlimmeres gewohnt. Um den unerwünschten Effekt zu mindern, dass mein Prüfungsverfahren nicht eigentlich Fähigkeiten in Soziologie sondern die Kompetenz im Englischen honoriert, besteht die Klausuraufgabe aus zwei Teilen, im ersten Teil müssen auf Englisch gestellte Aufgaben durch Eintragen von Y für Yes und N für No beantwortet werden, und in einem zweiten Teil muss ein frei formulierter Text auf Chinesisch geschrieben werden. Den kann freilich nur Lilly nachsehen und bewerten, und da 140 Studenten mitschreiben wird das eine zeitraubende Arbeit sein. Dienstag, 28. Dezember 2010 Heute Vormittag schreiben auch die Studenten im dritten Studienjahr, denen ich Economic Sociology vorgetragen habe, ihre Klausur. Hier gibt es die Zweiteilung in englischen und chinesischen Teil der Klausur nicht, also müssen sie ihre soziologischen Fähigkeiten ganz auf Englisch unter Beweis stellen. Lisa wird in ihrer Schule gefragt, ob sie eine „Han“ sei. Sie weiss nicht, was das ist. Es ist die überwältigende Mehrheit aller Chinesen, von der sich die Minderheiten unterscheiden, zu denen auch die Koreaner (die auf chinesischem Gebiet leben) und die Tibeter zählen. Wir sind bei der Beantwortung solcher in Richtung rassischer Zugehörigkeit gehender Fragen ratlos, obschon jeder, der jemals in den U.S.A. gelebt hat, dort die Fragebogen kennt, in denen abgefragt wird, ob man Caucasian, Afro-Amerikan, Hispanic etc. ist. Mittwoch, 29. Dezember 2010 Das Simmel Seminar findet nicht mehr statt. Wir bereiten uns auf das Doppelfest am letzten Tag des Jahres vor: Der 31.12. ist tagsüber Emmys Geburtstag und abends Sylvester. Für beides sind Einkäufe zu machen. Donnerstag 30. Dezember 2010 Ich führe (nicht wirklich am 30. Dezember) ein Dreiergespräch mit einer Studentin und einem Studenten, beide im dritten Studienjahr. Auf meine Frage nach den Zukunftsplänen der beiden erzählt der junge Mann, er habe Journalist werden wollen und sei darum vor Beginn dieses Studienjahres als Praktikant bei einer Fernsehstation beschäftigt gewesen. Doch nach der Erfahrung dort sei er nun unsicher, ob er das noch wolle. Ich erkundige mich, was denn Unerwartetes vorgefallen sein, um seine Zweifel zu begründen. Er habe beobachtet, dass die Journalisten in erster Linie zum Gehorsam gegenüber der politischen Führung verpflichtet seien, und das habe er als Belastung ihrer Tätigkeit empfunden. Ich erzähle den beiden, dass Karl Marx als junger Mann sein Geld in Deutschland als Journalist verdient habe, dass er aber dann wegen der kritischen Artikel, die er schrieb, mit Verfolgung bedroht wurde und zur Auswanderung gezwungen war. Darauf reagiert die Studentin mit Begeisterung und sagt ihrem Mitstudenten: Du kannst der wahre Nachfolger von Karl Marx werden! Freitag, 31. Dezember 2011, Sylvester Unsere Emmy wird drei Jahre alt, und das wird natürlich schon vormittags gefeiert. Abends gehe ich zu einem Freitags-abends-Bibel-Kreis hier auf dem Campus und rede mit Kolleginnen darüber, wie wörtlich man denn die Bibel nehmen muss. Dann, schon kurz vor 23 Uhr, gehen wir als Familie alle auf einen großen Sportplatz auf dem Campus und feuern einige Knallkörper und Raketen in die Luft. Einige Studenten klatschen Beifall. Später erfahre ich, dass das Abbrennen von Feuerwerkskörpern auf dem Campus verboten ist. Wir haben wohl eine gewissen Narrenfreiheit hier. Überhaupt wird nach der Volkstradition Chinas erst der Jahreswechsel nach dem Mondkalender im Februar groß – und natürlich mit viel Feuerwerk – gefeiert (Die chinesischen Moslems machen da allerdings nicht mit). Das geschieht freilich nicht hier auf dem Campus, sondern jeder reist zu seiner Familie, wie bei uns zu Weihnachten. Dieser Brauch wird in den kommenden Wochen eine gigantische Reisewelle in China auslösen. Doch die Staatsführung passt sich dem Weltkalender an und richtet, wie die Regierungen der anderen Länder, am 31.12. eine Botschaft an das Volk. Im Fernsehen sehe ich die Neujahrsansprache des Staatspräsidenten Chinas und bin beruhigt und beeindruckt von dem hohen Stellenwert, den er als Chef der Partei und des Staates dem Frieden gibt. Samstag, 1. Januar 2011, Neujahr In einem Vier-Augen-Gespräch sagt mir eine Studentin im ersten Studienjahr, sie mache sich große Sorgen um die Zukunft Chinas. Zum einen habe sie Angst vor Krieg, weil es militärische Provokationen gegeben habe, die von China ausgingen. Zum zweiten fürchte sie, dass China mehr und mehr ein rein kapitalistisches Land werde, und dass sich niemand um das Schicksal der armen Leute kümmern werde. Lilly hat viele Kontakte mit Großmüttern, die für ihre berufstätigen Töchter oder Schwiegertöchter kleine Enkelkinder betreuen. Im Gespräch wird erwähnt, dass ich hier schon gastweise an Gottesdiensten teilgenommen habe, und eine Oma sagt Lilly stolz, dass sie katholisch sei. Ich signalisiere sofort Interesse, weil ich gern einen katholischen Gottesdienst hier erleben möchte. Der „Priester“, so sagt die Katholikin, könne aber immer nur am ersten Sonntag eines jeden Monats kommen. Also wird für morgen ein gemeinsamer „Kirchgang“ verabredet.

Woche 20: Sonntag, 2. Januar – Samstag, 8. Januar 2011

Sonntag, 2. Januar 2011 In der Begleitung von drei Chinesinnen unterschiedlichen Alters, von denen die älteste sich als Katholikin bezeichnet und eine andere für mich dolmetscht, besteige ich gegen 7:30 Uhr den üblichen Stadtbus. Wir fahren in die Gegend, in der Lisas Schule liegt und gehen durch einen sehr stark bevölkerten Gemüsemarkt zu einem Wohnhaus, in dem das links vom Treppenhaus gelegene Erdgeschoss ganz als Andachtsraum ausgebaut ist. Im Unterschied zu meinen beiden vorhergehenden Erfahrungen mit christlichen Gottesdiensten sind hier die Besucher nicht Studenten oder junge Leute. Wieder, wie (auch aus Deutschland) gewohnt, sind es ganz überwiegend Frauen, doch das Durchschnittsalter liegt hoch, etwa bei 60 Jahren. In dem Andachtsraum finden etwa 100 Personen auf Stuhlreihen Platz. Die verspätet, aber rechtzeitig zur Predigt eintreffenden Andächtigen müssen mit den hier üblichen Plastiksitzen vorlieb nehmen, und erhöhen dabei die Größe der Gemeinde auf 120 Gläubige. Mir kommt der Altarbereich fremd vor, doch ich deute dessen Beschaffenheit zunächst als Zugeständnis an die hiesigen Verhältnisse. Zur technischen Ausstattung des – vergleichbar mit Kirchen – recht kleinen Raums gehören eine gewaltige Lautsprechanlage und ein Computer mit Leinwand zur Ermöglichung einer Power Point Präsentation. Zwei junge Frauen eröffnen die Veranstaltung und leiten den Gemeindegesang. Dabei geht es charismatisch zu, mit Aufstehen und Hin- und Herschwenken der erhobenen Arme. Die zum Teil schon recht betagten älteren Damen sind voll und ganz beteiligt. Dann kommt – nach mehr als 30 Minuten – der Auftritt des „Priesters“, von dem sich bald herausstellt, dass er keiner ist. Mit Hilfe der Leinwand und des Computers hält er seine Predigt, in der es unter anderem um den von Paulus beschriebenen Gehorsam der Ehefrau gegenüber ihrem Gatten geht. Die Damen in der Gemeinde lächeln ihren wenigen anwesenden Ehemänner freundlich zu, und der eine oder andere nickt zustimmend. Dann geht es um den Zehnten. Mit Hilfe einer Passage aus dem Alten Testament erläutert der Prediger, dass ein Zehntel von allem, das wir haben, von Haus aus schon Gott gehört, und das ein Zurückbehalten dessen, was Gott gehört, mit einem Fluch bedroht sei. Das erzeugt besorgte Gesichter in der Gemeinde. Liebevoll reagiert der Pfarrer, indem er meint, wem es schwer falle, so viel zu geben, der könne seinen Kirchenbeitrag von 10% bis auf 1% reduzieren. Dann fragt er, wer dadurch obdachlos werden würde. Niemand meldet sich. Na also. Ich werde noch Zeuge der Austeilung des Abendmahls und frage nach dem Ende der Veranstaltung, warum meine Gastgeberin der Meinung sei, das es sich hierbei um einen katholischen Gottesdienst gehandelt habe. Ja, eben, weil es das Abendmahl gab! Montag, 3. Januar 2011 – Donnerstag 6. Januar 2011 Die Tage sind ausgefüllt mit unwichtigen Dingen und mit dem Korrigieren der Abschlussklausuren. Am Mittwoch sind zur früher gewohnten Zeit noch einmal alle Teilnehmer des Simmel Seminars aufgefordert, sich zu einer kurzen mündlichen Einzelprüfung einzufinden, wobei Lilly übersetzt. Das dauert von 19:30 Uhr bis fast um 22 Uhr, ehe für jeden eine Note feststeht. Freitag, 7. Januar 2011 Ich bin wieder mit dem Bibelkreis verabredet, aber unerwartet meldet sich die Studentensprecherin des Sub-College for Social Development und bittet, ich möchte mich ab 19:30 Uhr bereit halten, weil die Studenten eine Abschiedsfeier für mich organisiert haben. Ich muss also einen Kompromiss machen, bitte hier um Verständnis, dass ich nicht lange bleiben kann, und dort dafür, dass ich zu spät kommen werde. Ein Student und eine Studentin holen mich an der Wohnung ab und bringen mich zum Tagungsort. Dort sitzen an den Wänden entlang einige meiner Studenten, und an der Frontseite sollen die Frau Parteisekretärin für das Sub-College und ich Platz nehmen. Einige weitere Dozenten treffen auch noch ein. Ich werde vom Studentensprecher begrüßt, muss eine kleine Rede halten, dann einen großen Kuchen anschneiden, von dem jeder etwas isst, und nun schließt sich ein Programm von Darbietungen an, das ich sehr eindrucksvoll finde. Ein Kung-Fu-Spezialist führt einen furchterregenden Tanz mit einem (nicht ganz echten) Schwert vor. (Mir geht durch den Kopf: Ein Professor, der diesem Mann schlechte Noten gegeben hat, sollte vielleicht zur Sicherheit den Raum verlassen). Als ich gehen muss, erhalte ich als Abschiedsgeschenk einen Satz Pudelmützen für die ganze Familie aus Wolle wegen der Kälte, die uns in Schanghai und München erwarten wird. Dann geht es weiter zum Bibelkreis. Wir reden über Dan Browns DaVinci Code. Der Film ist hier von vielen gesehen worden, und die vermeintliche Kenntnis der Katholischen Kirche gründet sich für manchen Chinesen leider nur auf dem, was dort gezeigt wird. Samstag, 8. Januar 2011 Zum Thema Europa höre ich hier, dass nach den Problemen mit den Staatsfinanzen Griechenlands und Irlands, nun auch Portugal und sogar Spanien mit Sorge betrachtet werden. Es gibt Vermutungen, dass Finanzkreise aus den U.S.A. gezielte Attacken gegen die Gemeinschaftswährung Europas reiten, um den Euro gegenüber dem Dollar zu schwächen. Das geschehe u.a. mit dem Blick auf China, das sich von dem Dollar ab- und dem Euro zuwenden wolle, und das durch solche Vorgänge von seiner europafreundlichen Neuorientierung abgehalten werden solle. Man kann sich leicht vorstellen, dass bei solchen Aktionen genau jene Prozesesse eingeleitet werden, die in der eigenen Spekulation der Veranlasser antizipiert wurden. Das stärkt dann nicht nur den Dollar, sondern auch die Salden der eigenen Konten. Feststeht aber auch, dass solche Finanzangriffe nur gegen Staaten gestartet werden können, die wegen ihrer hohen Verschuldung in Abhängigkeit geraten sind. Politisch haben „die Amerikaner mit ihren eigenen Schulden genug zu tun. Ihr Finanzminister Geithner hat auch die Insolvenz der USA in einem Brief an den Kongress an die Wand gemalt. Das wäre für China tragisch, da man eine knappe Bio $ in US Staatspapieren investiert hat. Natürlich fürchtet China aber auch eine Schwächung des Euros durch die schwachen Länder des Euroraums. In welche Währung soll China denn umsteigen, wenn es das könnte?“

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