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Chaos, Camouflage oder Care? - Zur Lage der Welt hier und heute

Dr. Jos Schnurer

28.10.2018

Collage: Dr. Jos Schnurer Collage: Dr. Jos Schnurer
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Wohin treibt die Welt? Angesichts der vielfältigen, lokalen und globalen Krisen und Konflikten auf allen Gebieten, die das individuelle und kollektive Leben der Menschen berühren und beeinträchtigen. Zu nennen wären Klimakatastrophen, Finanz- und Wirtschaftskrisen, egoistische, nationalistische, fundamentalistische und populistische Zumutungen und Kakophonien? Und wohin treibt die Welt angesichts der sich dabei einstellenden Ohnmachtsempfindungen gegenüber den Machtmissbräuchen?

In der „globalen Ethik“, die sich in mühsamen und langwierigen Prozessen in Teilen der Welt als Herrschaft des Volkes durchgesetzt hat, wird die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte als Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt postuliert[1]. Diese Voraussetzungen lassen sich nur in einer demokratisch verfassten Gesellschaft verwirklichen. Deshalb gehört es zu den wichtigsten Zielen und Herausforderungen der Menschen,  im nationalen und internationalen Rahmen demokratische Regierungs- und Lebensformen einzuführen.

Schauen wir auf die aktuelle Situation in der Welt, so sieht die demokratische Welt nicht besonders rosig aus. In dem von der britischen Wochenzeitung „The Economist“ seit 2006 jährlich neu herausgegebenen „Demokratieindex“, mit dem in 167 Ländern der Welt deren Demokratiewerte ausgewiesen werden, zeigt sich, dass 2017 in nur 19 Ländern der Erde echte demokratische Verhältnisse herrschen. Dabei wird im Index unterschieden in vier Kategorien: ( A) Vollständige Demokratien – (B) Unvollständige Demokratien – (C) Hybridregime – (D) Autoritäre Systeme. Bei den in der Kategorie A genannten 19 Ländern wird Norwegen auf Platz 1, Schweden (3), Australien (10), Deutschland (13) und Uruguay (19) ausgewiesen. In der Kategorie B, unvollständige Demokratien, steht Japan an 20. Stelle, USA (21), Frankreich (24), Israel (29), Griechenland (44) und Ungarn (56) und Moldau an 76. Stelle. Hybride Systeme (Mischformen) sind Sambia (77), Tansania (83), Kenia (92), Türkei (97), Libanon 101), Myanmar (113) und Haiti (115). Schließlich werden zu den autoritären Regimen unter anderem gezählt: Mauretanien (117), Russland (127), China (136), Saudi-Arabien (159), Tschad (165), Syrien (166) und Nordkorea (167).

Es ist allerdings nicht unumstritten, welche Kriterien die Londoner Journalisten anlegen, um zu dieser Einteilung und Listung zu kommen. Die Kategorisierung erfolgt nach den folgenden Bestandsaufnahmen: Wahlprozess und Pluralisierung (also etwa zur Frage: „Sind die Wahlen frei und gerecht?“) – Funktionsweise der Regierung („Bestimmen frei gewählte Abgeordnete über die Politik der Regierung?“) – Politische Teilhabe (Anteil der Staatsbürger, die am politischen Geschehen teilnehmen) - Politische Kultur („Gibt es einen ausreichenden gesellschaftlichen Konsens, der eine stabile und funktionierende Demokratie stützt?“) – Bürgerrechte (zum Beispiel: „Wird von Staats wegen Folter angewandt?“).

Im freiheitlich-demokratischen, nationalen und internationalen, wissenschaftlichen Diskurs wird in zunehmendem Maße Besorgnis geäußert, ob angesichts der zunehmenden antidemokratischen Entwicklungen und Machtpositionen die Werte verloren gehen, die von der Demokratie garantiert werden: Freiheit, Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Solidarität. Die Entwicklungen sind in mehrfacher Hinsicht besorgniserregend und fordern demokratisch denkende Menschen heraus: Da zeigt sich, dass Menschen, die in freiheitlichen, demokratisch regierten Ländern leben, die Werte und Normen als selbstverständlich und nicht weiter beachtenswert finden, weil sie sie ja haben und leben können. Ihre Gleichgültigkeit und ihr fehlendes Engagement zur Verteidigung und Weiterentwicklung der Demokratie, bereiten den Boden für diejenigen, die sie abschaffen wollen. Deren Motive lassen sich beschreiben als 

  • Ablehnung der Anstrengungen, die eine Demokratie fordert: Selbst denken, anstatt andere für sich denken zu lassen; Mitmachen anstatt Mitlaufen; Bequemlichkeit und Unaufgeklärtheit,
  • Ideologien, die sich als Ethnozentrismus, Rassismus und Höherwertigkeitsvorstellungen darstellen und den demokratischen Gleichheitsgedanken ablehnen.

Mit den folgenden Annotationen und Hinweisen wird auf den neueren, wissenschaftlichen Demokratiediskurs verwiesen. Es ist subjektiv ausgewählte Literatur, die vom Autor im Internet-Rezensionsdienst www.socialnet.de besprochen und im Fachportal www.sozial.de thematisiert wurde.

Die Zeit der Hasardeure?

Es ist (eigentlich) nicht so, dass der Mensch, angesichts von sich anbahnenden Katastrophen, Konflikten und Konklusionen, unwissend und uninformiert den Kopf in den Sand steckt oder darauf vertraut, dass „die da oben“ es schon richten werden. Denn die öffentliche Meinung ist präsent, und zu jeder Zeit gab und gibt es Prognosen, Analysen und Vorhersagen, wie die Welt sich unter bestimmten Bedingungen entwickelt. Da sind die Berichte an den Club of Rome, die seit den 1970er Jahren die Menschheit warnen, dass die Grenzen des Wachstums erreicht seien. Es sind die von den Vereinten Nationen initiierten Weltberichte, die zum Perspektivenwechsel auffordern: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995). Und doch immer wieder ignorieren, verleugnen oder fakenewsen Menschen die Berichte, die auf die menschengemachten Folgen des Klimawandels verweisen, provozieren und produzieren Konflikte, die zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und Kriegen führen, rennen sehenden Auges in die Kapitalismusfalle und sitzen die lokalen und globalen, sozialen Ungerechtigkeiten aus, während Friedens- und Gerechtigkeitsbemühungen eher von wenigen Kritikern und Skeptikern vorangetrieben werden müssen. Diese Unzulänglichkeiten sind es, die das Mängelwesen Mensch in die Ecke der Fatalisten, Fundamentalisten und Populisten treiben, die vorgeben, die eine, richtige, autoritäre und alleingültige Lösung der Probleme zu kennen.

Zwar herrscht vielerorts die Auffassung vor: „Chaos ist überall!“, doch es ist auch wichtig und notwendig, die vielfältigen hoffnungsvollen Zeichen zu erkennen, dass eine gerechte, friedliche, humane Eine Welt möglich ist! Der Journalist, Autor und Mitbegründer des unabhängigen Fernsehmagazins Kontakt TV, Fabian Scheidler verweist in dem 2015 erschienenem Buch „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ auf die Gefahren, die den Individuen und Gesellschaften der Menschen drohen, wenn es nicht gelingt, den menschengemachten Wirtschafts-, Finanz-, Umwelt-, System- und sozialen Krisen echte, humane Alternativen entgegen zu setzen. Mit seiner neuen Veröffentlichung nimmt er das „Chaos“ in der Welt zum Anlass, um ein neues Zeitalter der Revolutionen auszurufen. Damit stellt er dem Chaos die Hoffnung gegenüber, dass es gelingen möge. „dem Rüstungswahnsinn Einhalt zu gebieten und für eine neue Friedensordnung einzutreten“.

Die „Megamaschine“, als Metapher und Analyse des Zustands der Welt hier und heute, lässt sich sowohl als Schreckgespenst und Chaos, aber auch als Chance begreifen. Um diese zu ergreifen, weist Scheidler  ein 16-Punkte-Programm aus, in dem er die ökonomischen, ökologischen, anthropologischen, sozialen und gesellschaftspolitischen Bedingungen für ein humanes Leben aller Menschen auf der Erde auflistet. Es sind keine Rezepte, sondern (Nach)denkprozesse und Aufrufe zur aktiven Beteiligung. Es gilt, „der Krise des Lebens auf der Erde ins Auge zu sehen und angemessen darauf zu reagieren“[2].

Demokratie braucht Gerechtigkeit

Die Meinungsmacht geht so: Kapitalismus ist die vernünftigste, verbreitetste, erfolgreichste Wirtschafts- und Lebensform, weil das ökonomische Denken und Handeln, das dem Kapitalismus zugrunde liegt und ausmacht, den natürlichen Bedürfnissen, Wünschen und Hoffnungen der Menschen entspricht. Dort, wo (neo-)kapitalistische Auswüchse entstehen, genügt es, sie zu bändigen und zu korrigieren; denn: Die „unsichtbare Hand“ des „freien Marktes“ reguliert und lenkt in vernünftige Bahnen. Aus einem schlechten und unbefriedigenden Kapitalismus kann nur ein besserer Kapitalismus werden! Diese gängige und propagierte Auffassung aber verleugnet, dass der Kapitalismus Ungleichheit und Ungerechtigkeit schafft! Es ist höchste Zeit, dass die Menschheit einen Perspektivenwechsel weg vom kapitalistischen Denken und Tun und hin zu Lebensformen und Strukturen einer nachkapitalistischen Gesellschaft unternimmt.

Die Bemühungen dazu sind nicht neu; sie werden jedoch durch die individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen, kapitalistischen Strukturen immer dringlicher. Der Berliner Psychologen und Soziologen Meinhard Creydt sieht in der „gesellschaftlichen Müdigkeit“ den entscheidenden Grund dafür, dass die (Marxsche) Kapitalismuskritik in der Vergangenheit so wenig erfolgreich wirken und den Kapitalismus zur „Weltherrschaft“ werden ließ. Er sieht aber gleichzeitig, dass die scheinbare kapitalistische Allmacht zu bröckeln beginnt, angesichts der Krisensituationen in der Welt. Sein Buch trägt den Titel: „Wie der Kapitalismus unnötig werden kann“. Er verweist darauf, dass sich die Ablehnung einer kritisierten Struktur (im allgemeinen) nicht dadurch realisiert, dass man sie verneint, ohne gleichzeitig Alternativen anbieten zu können: „Die Suchbewegung nach diesen Formen und Inhalten und der soziale Prozess ihrer Durchsetzung gelingen in dem Maße, wie sich eine bestimmte Art von Betätigungsmotiven, von Interessen an bestimmten gesellschaftlich maßgeblichen Inhalten, von Strukturen der öffentlichen Beratung, Entscheidungsfindung und der sozialen und gesellschaftlichen Synthesis entwickelt“. Eine Opposition gegen kapitalistische Ordnungs- und Gesellschaftsstrukturen muss dabei die Möglichkeiten und Perspektiven herausarbeiten, die eine Ablösung des kapitalistischen Systems sinnvoll, wünschenswert und erfolgreich machen können. Er fragt zum einen, „ob eine am Praxisparadigma orientierte Gesellschaft den Aufgaben und Problemen gewachsen ist, die sich unter modernen (kursiv) Bedingungen durch den Stoffwechsel mit der Natur sowie durch die gesellschaftlichen Prozesse des Produzierens, Organisierens und der Synthese ergeben“; zum zweiten, „wie sich eine an ‚Praxis‘ orientierte Gesellschaft zum bürgerlichen (kursiv) Selbst- und Weltverständnis verhält“; und drittens, wie eine „gesellschaftliche Gestaltung und Selbstregulierung einer nachkapitalistischen Gesellschaft“ aussehen könnte.

Dabei wird zum Angelpunkt einer wirksamen, identischen, glaubwürdigen und effektiven Kapitalismuskritik das jeweils eigene, individuelle und gesellschaftliche politische und menschenrechtliche Bewusstsein vom „guten Leben“. Es sind die Forderungen nach Unabhängigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung in den menschlichen Lebensbereichen und -situationen, die „das Leitbild und die Realutopie der nachkapitalistischen Gesellschaft“ bestimmen; zum Beispiel durch die Überzeugung, dass es darauf ankommt, „die weitest mögliche Befreiung der Arbeit von ihren subalternen Effekten“. Das vom Autor vorgelegte Modell des Praxis-Paradigmas geht vom richtigen, anthropologischen Handeln aus, bei dem die Fähigkeit des Menschen als verstandesbewusstes, zu Allgemeinurteilen befähigtes und zwischen Gut und Böse unterscheidungskompetentes, für theoretisches Denken und praktisches Handeln aufgefordertes Lebewesen grundgelegt ist (Aristoteles). Dieser philosophische Rückbezug kann dem nachkapitalistischen, kritischen Diskurs befördern und vielleicht sogar dazu beitragen, die ohne Zweifel dem Kapitalismus inne liegende Trennung von Theorie und Praxis auflösen zu helfen. Wahrheit, politische Urteilskraft und das Wagnis der Erfahrung von alternativem Denken und Handeln herausfordernden, utopischen und aktiven Ausformulierungen eines Gesellschaftsentwurfs für eine nachkapitalistische Menschen- und Menschheitszeit sind nicht als Rezeptur zu haben. Sie sind auch nicht als X-Punkte-Programm herunterzuladen. Sie sind mit dem intellektuellen Anspruch verbunden, selbst zu denken und nicht andere Mächte, Ideologien und Märkte für sich denken zu lassen[3].

Demokratie braucht Veränderung

„Wir sind das Volk“ – Grundposition eines demokratischen Denkens und Handelns, oder eine verräterische und missbrauchte Parole?. Der Mensch als zôon politikon, wie er sich in der abendländischen Anthropologie als vernunftbegabtes, ein gutes, gelingendes Leben anstrebendes, zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähiges und zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigtes Lebewesen darstellt, ist als Individuum darauf angewiesen, friedlich, gleichberechtigt und gerecht in Gemeinschaft mit den Mitmenschen zusammen zu leben. Die Ordnung, die das ermöglicht, heißt Demokratie. In den Zeiten der Kakophonien, egoistischen, ethnozentristischen, nationalistischen, rassistischen, fundamentalistischen und populistischen Entwicklungen, in denen mit Fake News Fallstricke bereitgelegt und falsche Meinungen erzeugt werden, wird der Ruf nach einer politischen und gesellschaftlichen Ordnung lauter, die auf den Grundwerten der Demokratie als Herrschaft des Volkes beruht. Wie sich zeigt, werden sogar mit der Überzeugung „Wir sind das (ein) Volk!“ friedliche Revolutionen möglich. Man könnte also meinen, dass die Menschen begriffen haben, dass für ein humanes Zusammenleben der Menschheit eine „globale Ethik“ notwendig ist. Mit dem demokratischen Bewusstsein ließe sich tatsächlich das verwirklichen, was Menschen ersehnen, seit sie als soziale Lebewesen existieren: Ein gutes, gerechtes, friedliches, humanes Leben führen zu können.

Umso erstaunlicher und verwerflicher ist es, wenn Demokratiefeinde mit dem Slogan „Wir sind das Volk“ auf die Straße gehen und damit die Staat-, Regierungs- und Lebensform angreifen, die ihnen sogar diese Meinung ermöglicht. Das Dilemma wird deutlich: Demokratie in ihren gewachsenen, im jeweiligen Zivilisationsprozess entwickelten Formen – Volksdemokratie, Parlamentarisch-Repräsentative Demokratie, Direkte Demokratie – erzeugt sowohl Wohlbefinden als auch Unbehagen, Zustimmung und Kritik. Dort aber, wo demokratische Strukturen missachtet, abgelehnt, angefeindet und bekämpft werden, herrscht Menschenfeindlichkeit. Das hat nichts zu tun mit der intellektuellen Verpflichtung der Menschen, sich eine kritische Kompetenz anzueignen, also selbst zu denken und nicht andere für sich denken zu lassen[4].

Gegen die Kakophonien, Ego- und Ethno-First-Verirrungen und antidemokratischen Feindschaften werden erfreulicherweise Aktivitäten laut, die Demokratie zu verteidigen.  Der französische Historiker und Politikwissenschaftler Pierre Rosanvallon ist einer von ihnen. Mit „good governance“, einer guten, gerechten, demokratischen Regierungsführung fordert er auf, dass die Menschen, die in einer Demokratie leben, von der Gleichgültigkeit und vermeintlichen Selbstverständlichkeit weg- und hinzuleiten zu einem stärkeren bürgerlichen Engagement und einem Bewusstsein, dass es zur Regierungs- und Lebensform der Demokratie keine freiheitliche Alternative gibt. Mit dem nicht glücklich und missverständlich aus dem Französischen übersetzten Begriff „Gegen-Demokratie“ argumentiert er gerade nicht gegen die Demokratie, vielmehr wendet er sich gegen das eher unbedachte, unreflektierte alltägliche und ideologisch missbrauchte Misstrauen gegen die Demokratie und zeigt auf, dass Kritik und Misstrauen notwendige Elemente eines freiheitlich-demokratischen Miteinander bilden. Wenn Demokratie sich als legitime Machtausübung darstellt, braucht es Ordnungssysteme und Instrumente, um Machtmissbrauch zu verhindern. Sie setzt aber auch voraus, dass das Individuum als Bürger und Gesellschaftswesen in der Lage ist, die Macht zu legitimieren, zu garantieren und zu überwachen. Der Blick in die Geschichte der Menschheit zeigt, dass sich Legitimität, wie auch das Gegenteil, die Illegitimität, sich aus ihrem Tun ergeben. Um demokratisch legitimes Denken und Verhalten zu erreichen, bedarf es „solche(r) Aktivitäten, die eine Gesellschaft ermutigen, sich ständig selbst infrage zu stellen“. Dadurch kann „Misstrauen zur Triebfeder einer anspruchsvollen und konstruktiven Vision des Politischen werden“. „Entscheidungsrecht nenne ich das Recht, von sich aus anzuordnen oder das von anderen Angeordnete abzuändern. Verhinderungsrecht nenne ich das Recht, einen von anderen gefassten Beschluss zu annullieren“. Mit der Montesquieu´schen Unterscheidung lenkt Rosanvallondie Aufmerksamkeit auf die aktuellen, politischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozesse. Die Zugänge zur aktuellen Bestandsaufnahme gewinnt er mit historischen Analysen, wie sie sich in der Spannweite vom „Widerstandsrecht zur komplexen Souveränität“ und als Bedeutungs- und Wirkungsverlust von oppositionellem Denken und Tun darstellen. „Urteilen heißt, ein Verhalten oder Tun auf den Prüfstand zu stellen“. Es ist nicht der Kritikaster oder Nörgler, auch nicht der Beckmesser oder Besserwisser, der hier zur Sprache kommt, sondern der wache Bürger, der – wie der Richter in juristischem Verfahren – „im Namen des Volkes“ spricht. Gegen-demokratische Aktivitäten im Sinne des Rosanvalon´schen Konzepts fordern einen Perspektivenwechsel im Bewusstsein des politischen Bürgers. Sie treten an gegen Ohnmachtsgefühle und Ohne-Mich-Standpunkte und wollen dem beobachtbaren „Rückzug des Bürgers in eine auf das Private reduzierte Welt“ eine aktive, demokratische Teilhabe entgegensetzen. Es geht also darum, die Demokratie nicht zu entpolitisieren, sondern vielmehr sie zu repolitisieren.

Das Fundament einer Demokratie in der Moderne muss auf drei Säulen ruhen:

  • einer parlamentarisch-repräsentativen Regierung,
  • einer Gegen-Demokratie und
  • dem Politischen als Reflexions-/Deliberationsprozess.

Die anfangs geäußerte Frage, ob die (deutsche) Begriffswahl „Gegen-Demokratie“ dem Anliegen und Konzept Pierre Rosanvallonsgerecht wird („La contre-démocatie“ im Original) wird durch die Ausführungen im Buch beantwortet: Das Konzept tritt an mit der Absicht, die im traditionellen demokratischen Verständnis auftretenden Spannungen zwischen soziologischen und politischen Repräsentationsprinzipien auszugleichen. „Die Gegen-Demokratie zeichnet sich … dadurch aus, dass sie prä- und postdemokratisch zugleich ist“[5].

Die Unruhe als Daseinsgefühl

Es geht hier nicht um Hektik, Stress, Getriebenheit und Überforderung, sondern um den positiven Wert, der sich in der „Unruhe (als) ein Daseinsgefühl (zeigt),  eine Welt voller Phantasien, voller Verheißungen und Pläne(n)“ zu identifizieren. Damit wird auf eine menschliche Fähigkeit verwiesen, die eben nicht Stillstand und Beharren auf Bestehendem meint, sondern die Wandlungs- und Veränderungskompetenz des Menschen in den Vordergrund rückt: Der Einstellung – „Das haben wir schon immer so gemacht“ – , als passive und konservative Lebenseinstellung, wird die Neugier des Neuen, Unbekannten und zu Erreichenden im menschlichen Denken und Tun entgegen gestellt: „Die Unruhe ist ein hoffnungsvolles Taumeln, ein massenhaftes Sehnen und Drängen, das die Unterscheidung zwischen Treiben und Getriebensein nicht kennt“.

Der Kieler Philosoph Ralf Konersmann richtet seinen Blick auf eben diesen „blinden Fleck“, der „Unruhe“ als eine zu überwindende, dem menschlichen Dasein schädliche (Un-)Tugend zum Ausdruck bringt. Mit seinem Essay will er nicht vor der blinden Wut des Machens warnen; vielmehr geht es ihm darum, den Begriffen und Handhabbarkeiten des (scheinbaren) Gegensatzes von Ruhe und Unruhe im Sinne einer Selbstaufklärung auf die Spur zu kommen: „Der Anspruch einer solchen Vergewisserung zielt weniger auf die Richtigstellung des vermeintlich Abwegigen oder Falschen als auf die Ermittlung dessen, wer wir… selber sind, die wir durch unsere besondere, unsere eigene Art des Sprechens, des Denkens und Verhaltens für uns selbst und für andere sichtbar werden“. Dabei richtet er seine Aufmerksamkeit zum einen auf die historischen, kulturellen Entwicklungen darüber, wie sich die Eigenschaften Ruhe und Unruhe darstellen; zum anderen setzt er sich mit den vermeintlichen, gedachten und gemachten Phänomenen der Unruhe, Unbestimmtheit und Entgrenztheit in der sich immer interdependenter und globaler entwickelnden (Einen?) Welt auseinander. Er schaut dabei auf das geschichtliche Gewordensein, und auf die Gegenwärtigkeiten. Daraus entsteht eine Genealogie und Kultivierung der Unruhe, mit der er verweist auf „die( ) Unentrinnbarkeit, mit der die Unruhe das Versprechen, zu dem es geworden ist, selbst gefährdet“. Die Lösung ist nicht, Unruhe aus dem Leben der Menschen zu verbannen, sondern eine  Kultur der Unruhe zu entwickeln, die aus dem Zusammenspiel von Ruhe und Unruhe „Stimmigkeit“ in das menschliche Dasein bringt[6].

Gegen böses und schwaches Denken

Es ist das demokratische Bekenntnis, dass „freie Meinungsäußerung, Pressefreiheit und die Freiheit von Forschung und Lehre sowie die Demokratie … ( ) die Diskurse und Resonanzräume (garantieren), in denen über die Evidenz der Fakten gestritten werden kann“. Fakten als menschengemachte und naturgegebene Werte und Normen lassen sich nicht verordnen, sondern sie benötigen „den erkenntnis- und beobachtungstheoretischen sowie selbstreflexiven Blick auf unseren eigenen Subtext der Erkenntnis, um nicht im Brustton der Gewissheit als Faktum auszugeben, was uns immer schon der Fall gewesen zu sein schien“. Mit dieser Kampfansage an die Fake-News- und Faktenverdreher tritt der Erziehungswissenschaftler von der TU Kaiserslautern, Rolf Arnold, als Vertreter des pädagogisch-didaktischen Konstruktivismus an, das in der Aufklärung errungene Bewusstsein im Spannungsboden hin zur Systemtheorie zu entwickeln.

Dazu ist die Bereitschaft und Fähigkeit zur Selbstaufklärung, Selbstausrichtung und Selbstveränderung notwendig. Das Dilemma freilich besteht darin, dass es meist sehr leicht und einfach ist, „Faktisches zu behaupten, wo bloß Perspektivisches zu haben ist, was nicht zuletzt eine Reduktion der Komplexität hervorbringt, die durchaus Parallelen zu den Vereinfachungen der im Populismus zu Recht kritisierten Behauptungswahrheiten aufweist“. Diese (scheinbare) Widersprüchlichkeit gilt es, sich bewusst zu machen. Mit sechs Argumentationslinien baut der Autor seine Auseinandersetzung mit dem rechten, ethnischen, fundamentalistischen und den kritischen Populismus auf. Bei den Texten greift er auf bereits publizierte Veröffentlichungen zurück. „Popularisierung gegen Populismus?“ ist die erste Frage; „Wie faktisch ist die Wirklichkeit?“ die zweite. Im dritten Strang geht es um die Auseinandersetzung um „Aufklärung: Die Karriere der Vernunft“; im vierten erfolgen praktische Zugänge zur „spürenden Vernunft“: im fünften werden „Wege aus der Gewissensfalle“ aufgezeigt und „Muster des Umgangs mit Ungewissheiten“ entwickelt; und im sechsten und letzten Abschnitt geht es um „Auswege aus der Unvernunft“. Es sind die Imponderabilien, die scheinbares und tatsächliches Faktenwissen so schwierig unterscheidbar machen. Denn die Suche nach der Wahrheit ist ein seltsames Ding, das nicht ohne Selbststabilität, Selbstverständnis und einer ständigen, sich verändernden Identitätssuche zu finden ist. „Böses Denken“[7]ist die Verweigerung des Humanum, und „Schwaches Denken“ nimmt hin, was scheinbar ist, ohne sich des kritischen Bewusstseins zu bedienen. Um „schwaches Denken“ zu vermeiden, braucht es die Kompetenz zur Wertebildung, die sich artikuliert in: Akzeptanz – Beteiligung – Selbstbeteiligung – Uneindeutigkeit – Strukturdeterminiertheit – Zirkularität – Interesse -  Weltbildstatus – Reflexivität – Kontemplation[8].

Fazit

Es sind nur einige wenige Aspekte, die den galoppierenden Unsicherheiten und Endzeitstimmungen Zuversicht und Hoffnung entgegen setzen wollen[9].Denn eines ist sicher und bedarf der intellektuellen, alltäglichen, lokalen und globalen Aufmerksamkeit: Ohne das aktive, individuelle und kollektive Engagement und Eintreten für Demokratie wird unsere Welt zu einer inhumanen Wüste!

 

Kontakt

Dr. Jos Schnurer
Immelmannstr. 40
31137 Hildesheim 
Tel. 05121 59124
jos2@schnurer.de



[1]Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948, in: Deutsche UNESCO-Kommission, Menschenrechte. Internationale Dokumente, Bonn 1981, S. 48

[2]Fabian Scheidler, Chaos. Das neue Zeitalter der Revolution, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/24035.php

[3]Meinhard Creydt, Wie der Kapitalismus unnötig werden kann, http://www.socialnet.de/rezensionen/22312.php

[4]Karl  Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, http://www.socialnet.de/rezensionen/12903.php; sowie ders., Jetzt. Geschichte meines Lebens mit der Phantasie, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/22496.php

[5]Pierre Rosanvallon, Die Gegen-Demokratie im Zeitalter des Misstrauens, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/23619.php

[6]Ralf Konersmann, Die Unruhe der Welt, 2015, http://www.socialnet.de/rezensionen/19459.php

[7]Bettina Stangneth, Böses Denken, 2016, http://www.socialnet.de/23593.php

[8]Rolf Arnold, Ach, die Fakten! Wider den Aufstand des schwachen Denkens, 2018, http://www.socialnet.de/rezensionen/...php

[9]vgl. auch: Wolfgang Sternstein, Endzeit, Hoffnung und Widerstand im Atomzeitalter, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/23824.php

 

Aktuelle Rezension

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Stephan Straßmaier, Hans Werbik: Aggression und Gewalt. De Gruyter Oldenburg (Berlin) 2018. 457 Seiten. ISBN 978-3-11-051930-3.
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