Ältere Person bedient ein Gerät
Camilo Jimenez

Assistenzsysteme in der Pflege: Schmaler Grat zwischen Fürsorge und Überwachung

Digitalisierung der Pflege als Antwort auf den Fachkräftemangel bringt Vorteile und neue Risiken mit sich. Der Wunsch größtmögliche Autonomie zu erhalten und die Privatsphäre Unterstützungsbedürftiger zu erhalten wird zum Balanceakt.

Schmaler Grat zwischen Fürsorge und Überwachung

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird aufgrund einer immer älter werdenden Gesellschaft in den nächsten Jahren weiter ansteigen und somit den Druck auf die Pflege weiter erhöhen. Gleichzeitig entscheiden sich immer weniger Menschen für den Pflegeberuf. Die Sicherstellung der Pflege zwingt die Pflegebranche deshalb zu umfassenden Optimierungen in puncto Digitalisierung und Vernetzung. Bisher wird die Pflege in Deutschland in dieser Beziehung – Stichwort Pflege 4.0 – noch recht stiefmütterlich behandelt.

Virtuelles Case Management auf Pflegemarktplatz 4.0

„Um der zu befürchtenden Versorgungslücke schon jetzt zu begegnen, muss die Pflege als wenig technisierte Branche beginnen, Automatisierungs- und Digitalisierungspotenziale effizient und effektiv zu nutzen“, meint Dr. Bettina Horster, Leiterin des Forschungsprojekts „Smart Care Service“. Im Rahmen des Projektes soll ein Portal entstehen, das Angehörigen und Pflegebedürftigen umfassende und zuverlässige Informationen bietet, die genau auf deren Einschränkungen abgestimmt sind. Mit Hilfe von Fragebögen und Checklisten wird ein so genannter „Digitaler Zwilling“ erstellt, um den Menschen die passende Unterstützung anzubieten, indem der Bedarf an Pflege-, Assistenz-, niedrigschwelligen Betreuungs- und Entlastungsangeboten sowie haushaltsnahen Dienstleistungen ermittelt wird. So werden die Pflegebedürftigen zeitnah mit ortsnahen Anbietern zusammengebracht.

Mehrwert Assistenzsysteme – Autonomie Pflegebedürftiger stärken

„Digitale Technologien können es pflegebedürftigen Menschen ermöglichen, selbstbestimmt und sicher versorgt leben zu können;“ argumentiert Enrico Löhrke, Konsortialmitglied und Geschäftsführer der Inhaus GmbH: „Technische Assistenzsysteme sollen zudem Pflegende bei ihren Tätigkeiten entlasten“. So können mit ihrer Hilfe wichtige Informationen aus dem Wohnumfeld in den Pflegemarktplatz einfließen, damit die Angebote für die Menschen mit Einschränkungen noch besser angepasst werden können. Pflegekräfte erhalten auf diese Weise Informationen über die Alltagsabläufe und die Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL*), was ein wichtiger Baustein für die Beurteilung und Ableitung der Pflege- und Betreuungsmaßnahmen ist. Diese Informationen können die Pflegekräfte sowohl für Einschätzungen der akuten Situation, z. B. bei abnehmender Alltagskompetenz, wie auch zukünftiger Entwicklungen verwenden.

Nachvollziehbare Informationen wichtig

Grenzen ergeben sich nach Ansicht von Erhard Hackler, geschäftsführender Vorstand der Deutschen Seniorenliga, aus dem Umstand, dass der Einsatz technischer Assistenten von den Pflegebedürftigen als Überwachung in ihrem privaten Bereich empfunden werden kann. Zudem werden die Erfassung und Auswertung persönlicher Daten aus datenschutzrechtlichen Gründen kritisch gesehen. „Hier ist es sehr wichtig, den Nutzerinnen und Nutzern eine autonome Entscheidung über den Umfang der Datennutzung zu ermöglichen,“ so Hackler. Hinsichtlich der Datenverwertung ist dazu absolute Transparenz und eine umfassende - auch für Laien verständliche - Information notwendig. „Sind diese Voraussetzungen erfüllt, können digitale Assistenzsysteme für Pflegebedürftige und Pflegende von sehr großem Nutzen sein,“ meint Hackler.

*ADL Activities of Daily Living

 


Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Seniorenliga e.V. vom 25.10.2022