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Angst isst Seele auf [1]

Dr. Jos Schnurer

25.08.2015

Anregungen für eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Angst“ in Schule und Erwachsenenbildung

Collage, zusammengestellt von Dr. Jos Schnurer
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Was ist Angst? – Wie entsteht Angst? – Wie kann ich Angst überwinden? – „Kann Angst auch hilfreich sein?. „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“, dieses Kinder(fang-)spiel aus dem 17. Jahrhundert wird bis heute im Sportunterricht und in der Freizeit gespielt. Aus political correctness allerdings wird das Kinderspiel umbenannt in: „Wer hat Angst vorm bösen Mann..., weißen Hai...“, ähnlich wie die Geschichte von den „Zehn kleinen Negerlein“ [2] in „Zehn kleine Hamburger...“, „Raucherlein“, „Computerfreaks“ ... umgedichtet werden.

Angst ist ein allgemein menschliches Gefühl

In der Kundenzeitschrift „Apotheken Umschau“ wird beruhigend festgestellt, dass Ängste zum Leben gehören; wenn Angst aber außer Kontrolle gerate, könnten Angststörungen und Krankheiten entstehen [3]. Bei Wikipedia wird dem Stichwort „Angst“ ein langer, differenzierter Artikel gewidmet: „Angst ist ein Grundgefühl, welches sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert. Auslöser können dabei erwartete Bedrohungen etwa der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein. Krankhaft übersteigerte Angst wird als Angststörung bezeichnet“. Der Begriff leitet sich vom indogermanischen „anghu“ ab, was soviel wie „beengend“ bedeutet. In der Psychologie und Psychoanalyse wird zwischen einer objektunbestimmten Angst (angor, lat.) und einer objektbezogenen Furcht (timor) unterschieden [4]. Dabei werden Angstgefühle in ihrer Intensität und Wirkung auf das alltägliche Leben der Menschen differenziert und immer bezogen auf Gefühlsregungen und Anlässen, wie z. B.: Verunsicherungen bei bestimmten An- und Herausforderungen, Angst vor Veränderung, vor Nähe, vor Prüfungen, vor Krankheit, Tod... Angstzustände lassen sich in zwei grundlegend verschiedene Kategorien aufteilen. Da ist zum einen die „innere“ Angst, etwa vor Krankheit, vor dem Altern, Tod, Versagen, vor Ablehnung, Außenseitertum und anderen Formen von Identitätsdefiziten, und zum anderen vor „äußeren“ Ereignisse oder Befürchtungen, wie Angst vor der Zukunft, vor Unfall, Krieg, Unfall, Terrorismus, aber auch vor Prüfungen, Arbeitslosigkeit, u.a. Dabei kommt es darauf an, Ängste, wenn sie sich zu Phobien auswachsen, als Krankheitsbilder zu verstehen, die der ärztlichen oder therapeutischen Behandlung bedürfen. Eine besondere, in industriellen und kapitalistischen Gesellschaften zunehmende Angst stellt „Burnout“ dar, das auch als „Ausgebranntsein“ sowohl im körperlichen als auch im seelischen Sinn bezeichnet wird [5] Zum Erkennen und Bewältigen von Angstzuständen wurden eine Reihe von Therapien und Verhaltensmodelle entwickelt, wie z. B. das „Gesetz der Angst“, das 1908 die US-amerikanischen Verhaltensbiologen und Ethologen Robert Yerkes und John D. Dodson als „Aktivationsmodell“ entwickelt haben. Es verdeutlicht die Auswirkung von bestimmten nervösen Erregungszuständen auf das Lebensgefühl und die Leistungsfähigkeit des Menschen. Im philosophischen Denken wird Angst als ein „Gefühl umfassender Unsicherheit und Bedrohtheit (beschrieben), das sich anders als die Furcht nicht aus etwas bestimmtem Bedrohlichen erklären lässt“. Der dänische Philosoph Søren Aabye Kierkegaard hat Angst als „antipathetische Sympathie“ bezeichnet, weil sich dabei sowohl verlockende als auch bedrohliche Erfahrung menschlicher Freiheit zeige [6]. Angst haben, soweit können wir bisher schon erkennen, sind nicht nur negative Gefühlsregungen; es können auch lustvolle Erfahrungen und Erlebnisse sein, wie etwa der Thrill. Denken wir dabei an den ersten Fallschirmsprung oder andere Aktivitäten zwischen einem mulmigen, ängstlichen Gefühl und einer extrem-sportlichen Herausforderung, die mit einem Kick als Angstlösung endet. Ebenso kann ein Angstgefühl Menschen vor bedrohlichen Gefahren schützen, was z. B. bedeuten kann, dass nicht Draufgängertum oder unüberlegtes Verhalten als „angstfrei“ bezeichnet werden kann, sondern etwa die Flucht vor einer Gefahr die bessere Lösung darstellt [7].

Angst ist ein Gefühl mit schwankendem Boden

In Befragungen wird deutlich, dass wir im „Zeitalter der Angst“ leben. In Untersuchungen über die Angstmotive der Deutschen hat das Meinungsforschungsinstitut Emnid festgestellt, dass die Ängste von Jahr zu Jahr zunehmen. Das Gefühl wird sogar als Befindlichkeit einem ganzen Volk zugeschrieben: „German Angst“ [8]  So ist die Metapher „Angst isst Seele auf“ tatsächlich ein Muster dafür, dass jeder Mensch Ängste entwickelt, wie er auch die Hoffnung hat, sie überwinden zu können. Psychotherapeuten sind konfrontiert mit Angststörungen und Depressionen (); und es sind bewusste und unbewusste Prozesse, die GesellschaftswissenschaftlerInnen Anzeichen und Hinweise darauf liefern können, „wie die Gesellschaft tickt“, was sie verbindet und spaltet, weiterentwickeln lässt und hemmt: „Angst ist hier ein Begriff für das, was Leute empfinden, was ihnen wichtig ist, worauf sie hoffen und woran sie verzweifeln“. „In Begriffen der Angst fühlt sich die Gesellschaft selbst den Puls“. Angst kennt weder nationale noch soziale Grenzen; diese Einschätzung ist Bestandteil der Systemtheorie von Niklas Luhmann in der die Phänomene soziologisch und erfahrungswissenschaftlich analysiert werden (Niklas Luhmann). Demnach ist eine Gesellschaft ein „umfassendes soziales System, das alle anderen sozialen Systeme in sich einschließt“, also gewissermaßen umfassend und nicht teilbar ist. Unabdingbar dafür ist, das haben die Systemtheoretiker immer wieder hervorgehoben, dass der Mensch der Freiheit in individuellen und gesellschaftlichen Sinn, lokal und global, bedarf. Wenn es um gesellschaftliche Ängste geht, kommt zwangsläufig und gerechtfertigt die Frage auf den Tisch, was ist, „wenn die Gewinner alles nehmen“(?). Es sind Fragen nach (berechtigten und unberechtigten) Gewinnern und Verlierern in der Gesellschaft, nach den gerechten und ungerechten, ökonomischen Bedingungen [9]. Was wird aus der Wut, die sich aufstaut und keinen Ausweg findet im unbarmherzigen, kapitalistischen System? Der Soziologe vom Hamburger Institut für Sozialforschung und Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel, Heinz Bude, stellt fest: „Angst zeigt uns, was mit uns los ist“. Dazu macht er auf das brüchige Ich“ aufmerksam, weil „Angst erschöpft“ und kaum Ansatzpunkte für eine „Work-Life-Balance“ findet, sondern wie mittlerweile in vielen Service-Einrichtungen praktizierten Form, eine Nummer zieht und darauf wartet, dass auf dem Display der Aufruf erscheint. Und immer wieder wirkt das von außen geleitete und kontrollierte Getriebensein, wie in immer stärkerem Maße die selbst auferlegte Treibung, getrieben von der Angst, eine Chance versäumt zu haben [10]

Mobbing als ungeschehenes Geschehen

Mit dem aus dem Englischen übernommenen Begriff “Mobbing“ sollen Verhaltensweisen benannt werden, bei denen Menschen von anderen Menschen insgeheim angegriffen werden, indem über sie schlecht geredet wird oder Gerüchte verbreitet werden. Ursprünglich benutzte der Verhaltensforscher Konrad Lorenz den Begriff, indem er das Konkurrenz- und Revierverhalten von Tieren als das „sogenannte Böse“ beschreibt. Übertragen auf menschliches Verhalten fragt Margarete Mitscherlich „Müssen wir hassen?“  Beschrieben wird also ein Konflikt, der beim menschlichen Zusammenleben entsteht und nicht offen und fair ausgetragen wird, sondern sich hinter der vorgehaltenen Hand und unter Ausschluss der Betroffenen ereignet. Mobbing geschieht in allen Lebensbereichen, in der Nachbarschaft, der Schule, am Arbeitsplatz, in den Medien und in der Freizeit. Weil die Angriffe immer als „Hörensagen“ verbreitet werden und das Mobbingopfer keine Chance hat, sich zur Wehr zu setzen und Gerüchte richtig zu stellen, sind die psychischen Auswirkungen von Mobbing gravierend. In der Soziologie, Pädagogik und Psychologie werden die Ursachen und Folgen des sozial abweichenden Verhaltens erforscht und Präventions- und Therapiekonzepte entwickelt. Dabei werden die vielfältigen Formen von Persönlichkeitsstörungen thematisiert, wie etwa Machtverhältnisse und Narzissmus [11], Vorurteile [12], Gewaltphänomene [13]; es werden Zusammenhänge zwischen kulturellen Identitäten und interkulturellen Konflikten thematisiert [14] und über berufliche Tätigkeiten und Zwänge reflektiert [15]. Dabei geht es auch um Fragen von Selbstbewusstsein und Selbstidentifikation [16], um die Fähigkeit zur eigenen moralischen Standortbestimmung [17], darüber, wie der Mensch Selbstwirksamkeit als Denkprozess realisieren kann [18], wie Einstellungen und Wertvorstellungen zustande kommen und erforscht werden können [19], und nicht zuletzt, wie Veränderungsprozesse wirksam werden können [20]. Der in Gelsenkirchen als Pädagoge und Psychotherapeut tätige Holger Wyrwa outet sich in seinem Buch „Konfliktsystem Mobbing“ als jemand, der lange Zeit selbst gemobbt wurde und sich erfolgreich zur Wehr gesetzt hat. Sein Theorie- und Praxismodell für Therapie und Beratung gründet auf „einem systemisch orientierten biopsychosozialen Verständnis vom Menschen, der als Homo construens – ein differenzstrukturierendes und ein ordnungs- bzw. individuell wie sozial sicherheitsherstellendes Wesen – zu betrachten ist“. Weil Mobbing auch Angst erzeugen und krank machen kann. Wenn der Mobber durch Worte und Taten Wunden schlägt, wird die „Maskierung des Inhumanen“ deutlich [21]

Der verführerische Begriff „Autonomie“

Der heftige, kontroverse, theoretische und praktische Diskurs in den Sozialwissenschaften über die Formen und Zuschreibungen zum Autonomiebegriff, und in diesem Zusammenhang zu den Modernisierungstendenzen hin zu „flachen Hierarchien“, scheint sich von den Flachgewässern und sumpfigen Gebieten bis zu den Untiefen der Existenznachschau zu vollziehen. Die Paradigmen, wie sie sich zu den Bestandsaufnahmen und Analysen über Freiheit und Gemeinschaft, Normativität und Kritik, Wahrheit und Ideologie, Recht und Subjektivität, Kapitalismuskritik und Klassenkampf und Politische Praxis Hier und Heute darstellen, verweisen ja einerseits darauf, dass mit dem traditionellen Begriff der Autonomie eher Beziehungslosigkeit und Isolation entstehen, die wiederum zu Einschränkungen bei den Ansprüchen für eine autonome Lebensführung führen [22],.andererseits zeigt sich an der Kritik am traditionellen Autonomie-Paradigma, dass sich der Mensch als homo faber durch denkendes Tun erschafft und entwickelt [23],und eben, neben Entwicklungen von Egoismen und Ungerechtigkeiten auch Angst produziert. Die Wissenschaftstheoretikerinnen Martina Franzen und Arlena Jung vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung und der Soziologe vom Forum Internationale Wissenschaft an der Universität Bonn, David Kaldewey, geben einen Sammelband heraus, in dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interdisziplinär „Begriff und Wert der Autonomie in Wissenschaft, Kunst und Politik“ diskutieren und nach Brücken zur Überwindung der traditionellen und ideologischen Festlegungen suchen [24].

„Der Takt ist eine wunderbare menschliche Erfindung…“

Zu wissen, wer man selbst ist und der andere, ob in der Nähe oder in der globalen Ferne, fokussiert in deutlichem Maße die Frage nach dem Leben Hier und Heute. Es ist die Frage nach dem humanen Umgang der Menschen miteinander, empathisch und friedlich, oder abweisend und aggressiv. Ist der Mensch des Menschen Freund oder Feind? Ist er anthrôpos oder lupos? Ist es die Gewalt oder die Liebe, die das Zusammenleben der Menschen bestimmt? Diese uralten Fragen sind aktueller denn je, in einer Zeit, in der sich Empathie und Humanität zu Überlebensanker der Menschheit darstellen. Wir reden hier nicht von dem steigenden Interesse vor allem junger Menschen, durch Benimm-Kurse ihre wohl vernachlässigten und vergessenen äußeren Formen des Umgangs wieder zu entdecken; vielmehr orientiert sich die Fragestellung an dem Phänomen, dass in der globalen Moderne ein Bewusstsein zu wachsen beginnt für  Takt als „Kompensation für die mit der modernen Welt einhergehenden Verlust- und Wandlungserfahrungen von Konventionen und Werten, von moralischen Haltungen und sozialen Anstandsformen“. Takt, so sagt man, wird besonders dort eingefordert, wo Taktlosigkeit vorherrscht, und zwar sowohl im individuellen wie im gesellschaftlichen Umgang der Menschen, lokal und global. In der sich 2008 gebildeten interdisziplinären Diskussionsrunde „Psychoanalyse und Lebenskunst“ haben Autorinnen und Autoren die Thematik „Takt und Taktlosigkeit“ auf philosophische, anthropologische, psychologische und pädagogische Imponderabilien hin befragt. Takt – und der Gegenpart: Taktlosigkeit – sind Eigenschaften und Verhaltensweisen im menschlichen Umgang und in der Kommunikation, die sich mentalitäts- und zeitgemäß zwar geändert und gewandelt haben, die sich aber mit den sozialpsychologischen Aspekten der Diskretion, der Rücksichtnahme und der heute mehr denn je geforderten Perspektivenübernahme des Daseins der Menschen in (Einer) Welt auch heute als wichtige Paradigmen und Herausforderungen erweisen [25].

Gehorsamkeit oder Widerständigkeit?

Gehorsamkeit ist die Unterwerfung des eigenen Willens unter den eines anderen. Die Wortbedeutung „Gehorsam“ unterliegt gesellschaftlichen, kulturellen und ideologischen Bedingungen, wie sich dies in Sprichwörtern, Volksliedern, politischen Programmen, in Theaterstücken und in der Literatur ausdrückt; da wird „militärischer Gehorsam“ vom Soldaten gefordert; das Kind soll den Eltern gehorchen; die Gläubigen von Religionsgemeinschaften sollen die religiösen Gebote befolgen;; von „Gehorsamspflicht“ wird gesprochen, wenn es darum geht, die Gesetze einzuhalten, die für ein Gemeinschaftsleben notwendig sind; und „Kadavergehorsam“ wird bezeichnet, wenn jemand seinen eigenen Verstand und seine Kritikfähigkeit an Regeln abgibt, die andere Autoritäten aufstellen und einfordern. Die Auseinandersetzung mit dem Begriff und die Einstellung muss also differenziert geführt werden: Eine „solidarische Gehorsamkeit“, bei der eigene, egoistische Erwartungshaltungen zugunsten von gesellschaftsförderlichen und demokratischen Zielsetzungen und Perspektiven zurückgestellt werden, ist ohne Zweifel anders zu bewerten, als eine an die herrschende Macht und Ideologie abgegebene Anpassung. Unser Verständnis von Demokratie, Selbstbestimmung und freiheitlichem Denken und Handeln ist ja eingemeißelt in die „globale Ethik“, wie die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte postulierte humane Menschheitsdefinition bezeichnet wird. Da ist keine Rede davon, dass ein Mensch dem anderen untertan sein soll, dass einer bestimmen und der andere gehorchen soll, dass ein Mensch sich vor einem anderen bücken soll; dass es Herrenmenschen und Knechte geben sollte… Vielmehr lebt Demokratie von kritischen, gleichberechtigten Bürgerinnen und Bürgern [26]. Der 1923 in Berlin geborene, 1936 in die USA emigrierte und seit 1979 in der Schweiz lebende, lehrende und praktizierende Psychoanalytiker Arno Gruen schlägt den Bogen von der etymologischen und philosophisch-existentiellen Auseinandersetzung um den Begriff „Gehorsam“ hin zur aktuellen, lokalen und globalen, lebensweltlichen Bedeutung und plädiert für eine „Kultur der inneren Autonomie“, die bestimmt ist vom Prozess der Selbstfindung und eingebunden ist in das Bewusstsein: „Eine bessere Welt wird sichtbar, wenn der verblendete Gehorsam aufgebrochen wird und sich in echte zwischenmenschliche Empathie verwandelt“ [27].

Gegen Intoleranz

Die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum formuliert ihr Credo vom Menschsein so:  „Man muss ( ) die Tatsache akzeptieren, dass man die Welt mit anderen Menschen teilt und so handeln, dass es anderen zugute kommt“. Daraus entsteht ihr Imperativ: „Erkenne dich selbst, damit du aus dir heraustreten kannst; diene der Gerechtigkeit und fördere den Frieden“. Sie stellt fest, dass Angst ein narzisstisches Gefühl sei, das Menschen insbesondere im Zusammenhang mit der religiösen Toleranz davon abhalte, die Anerkennung und Achtung der Menschenwürde, der freien Meinungsbildung, der Gewissens- und Religionsfreiheit als selbstverständliche, ethische und allgemeingültige Werte zu akzeptieren. Ihr hoffnungsbestimmtes Denken bleibt vor (scheinbar) verschlossenen Türen nicht stehen. Um aber Ideologien doch diskutierbar und no-go Areas doch betreten zu können, bedarf es nicht eines „Indiskutabel“, sondern einer Dialogbereitschaft. Dabei ist es in diesem Sinne unerheblich, ob die Auseinandersetzung nihilistisch oder religiös geführt wird. Vielmehr könnte ein weiteres Bild den notwendigen Dialog befördern, nämlich das vom „aufrechten Gang“, den alle Menschen gehen lernen sollten, um miteinander in kultureller Vielfalt und globaler Empathie leben zu können. Martha Nussbaum legt wieder ein Buch vor, das nicht mit dem erhobenen Zeigefinger geschrieben ist, sondern mit Empathie. Ihre Fähigkeit, Probleme zu benennen, und gleichzeitig nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Es macht Mut und vermittelt Kraft, gegen intolerantes Denken und Verhalten einzutreten und philosophisch und gesellschaftspolitisch sich dafür einzusetzen, dass die humanen Werte, die unser Menschsein bestimmen, auch verwirklicht werden können. [28]

Das Leben ist eines der risikoreichsten ...

Leben ist eines der schwierigsten! Weil beim Leben immer auch das Risiko mitspielt! Oder ist Leben eines der natürlichsten Dinge der Welt? Mit solchen Fragen scheinen wir Menschen uns immer wieder schwer zu tun! Denn einerseits bringen alltäglich zum Bewusstsein, dass Ungewissheiten, Unsicherheiten, Ängste und Krisen unser Leben beeinflussen, stören und bestimmen – so dass die Weltrisikogesellschaft (Ulrich Beck) eine globale Verantwortungsethik, eine transnationale Gemeinsamkeitsethik, eine globale Gewaltenteilung und Zusammenarbeit erforderlich machen [29]. Beim Versuch, Risiken zu erkennen, einschätzen und mit ihnen umgehen zu lernen, bietet sich dabei zum einen die wissenschaftliche Analyse an, mit der etwas festgestellt und bewertet wird, um die Diagnose in einem Gutachten, einem Regelwerk, einem Gesetz oder einer Handlungsanweisung umzusetzen; oder (und) das Wagnis einzugehen, sich bei einem gemeinsamen Entdeckungsprozess und Dialog auf die Suche nach der individuell und gesellschaftlich passenden und adäquaten Risikokompetenz zu begeben. Der Psychologe, Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Harding-Zentrums für Risikokompetenz, Gerd Gigerenzer, macht  sich auf den Weg, anhand von einleuchtenden, eher alltäglich erscheinenden Beispielen und Erfahrungen aufzuzeigen, dass  jeder Mensch den Umgang mit Risiko und Ungewissheit lernen kann, Experten(meinungen) eher ein Teil des Problems als die Lösung sind und.weniger mehr ist. Er plädiert also für die Entwicklung der eigenen Kompetenz beim Umgang mit Risiken und Ängsten, was bedeutet, dass Risikokompetenz nicht ohne das eigene, intellektuelle und emotionale Denken und Handeln zu haben ist [30]

Das Unbewusste entsteht im Bewusstsein

“Es gibt keine mentalen Prozesse ohne Realitätsbezug und ohne Vergewisserung der Wirklichkeit, genauso wie es keine Realitätswahrnehmung ohne Bewusstsein gibt“, das ist eine Erkenntnis, die sich bei dem vielfältigen Suchen nach den Ursachen, Zuständen und Wirkungen von bewusstem und unbewusstem Handeln von Menschen in den verschiedenen Lebenssituationen herausbildet [31]. Die Forschungen über die menschliche Psyche, besonders wenn es sich um psychoanalytische und -therapeutische Fragestellungen handelt, sind in Bewegung geraten, seit die klassischen Theorien und Therapien Konkurrenz und Kongruenz erhalten [32]. Mit den Begriffsfeldern „explizit – implizit“ kommt zum Ausdruck, dass sich Bewusstsein entweder im bewussten Gedächtnis und Tun artikuliert, oder/und als nichtbewusstes Gedächtnis darstellt. Es ist die immerwährende, ratifizierte oder kontroverse Diskussion darüber, welche positiven oder negativen Wirkungen bei psychotherapeutischen Prozessen zwischen Therapeut und Patient ablaufen, mit welchen Theorien und Methoden zustande kommen oder verhindert werden. In der intersubjektiv orientierten Psychotherapie haben implizite Vorgänge eine besondere Bedeutung. Der Psychoanalytiker Helmut Junker legt mit seinem Buch eine Standortbestimmung über die sich verändernden Theoriebildungen und Praxisbezüge im psychoanalytischen Diskurs vor. Er plädiert dafür, implizite Erfahrungen bei intersubjektiv bestimmten Therapien einzubeziehen und „Toleranz gegenüber dem schwer verfügbaren Grund, dem Nichtverstehbaren im eigenen und im fremden Selbst“ zu üben.  Sein Plädoyer, Intersubjektivität und implizites Gedächtnis stärker in den Blick und in die Praxis zu nehmen, gründet auf der Aufforderung, die Hindernisse und Gefahren, die sich im Bewusstsein des durchaus notwendigen „Über-Selbst“ zeigen, nicht „wortlos“ zu umgehen, sondern seine „Sicherheit des Selbst“ im Dialog mit Kolleginnen und Kollegen zu überprüfen, sich mit seinen Erfahrungen, Fragen und Problemstellungen auf eine Intervision einzulassen und die fachliche und wissenschaftliche Auseinandersetzung durch Schriftlichkeit zu ergänzen; denn „gegenüber der Mündlichkeit unter Anwesenden … bietet die Schriftlichkeit eine eigene Chance: Der Ablauf der Zeit wird unterbrochen, wird angehalten, die Gedanken werden so lange ausgemessen, bis sie sich der beabsichtigten Aussage annähern“ [33]

Tun und Unterlassen

„Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“, diese biblische, von der „vita religiosa“ des abendländischen Mönchtums in Lebenspraxis als „ora et labora“ umgesetzte Forderung hat nicht nur zur Identitätsbildung geführt, sondern auch in der Spannweite von Arbeitsfreude, -leid, -verweigerung und Workaholik vielfältige Entwicklungen, Verwicklungen, Egoismen und Ängste bewirkt [34]. Die Alternative (?) „Tun und/oder Unterlassen“ als moralische, individuelle und gesellschaftliche Herausforderung hat im Diskurs um den Sinn des menschlichen Daseins immer schon eine große Bedeutung erlangt. Die Frage, ob sich im Tun und/oder des Unterlassens beim menschlichen Denken und Handeln Wirklichkeiten spiegeln und „der Grund für die moralische Differenzierung zwischen ansonsten vergleichbaren Handlungen und Unterlassungen nicht in dem bloßen Umstand liegen kann, dass in dem einen  Fall ein Handeln, im anderen ein Unterlassen vorliegt“, dürfte sowohl normativ als auch faktisch beantwortet werden können, dass es darauf ankomme, die „durchgängige( ) Gültigkeit der normativen Handlungs-Unterlassungs-Differenzierung“ kritisch zu befragen [35].

Urteils- und Entscheidungskraft

Die Auseinandersetzung zur Urteilsfähigkeit und –kraft von Individuen und Gruppen ist insbesondere ein Aufgabenfeld der Sozialwissenschaften. Kategorisierungen bilden dabei die wichtigsten Kriterien für die Erforschung von Positionen und deren Zuordnung in typische und statistische Größen. Hier setzt die Kritik von zwei französischen Forschern ein: Luc Boltanski ist Soziologe. Laurent Thévenot ist Wirtschaftswissenschaftler und Statistiker. Sie lehren an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Um zu erkennen, wie Menschen bei (politischen und gesellschaftlichen) Konfliktsituationen reagieren und warum sie so handeln, und vor allem, an welchen Rechtfertigungsordnungen sie sich dabei orientieren, gehen die beiden Autoren bei ihren Reflexionen nicht den üblichen Weg, wie er bei den sozialwissenschaftlichen Forschungen üblicherweise gegangen wird. Sie gehen den Umweg über die Theorien der politischen Philosophie. Sie verknüpfen dabei die beiden Wissenschaften: Philosophie und Soziologie. Dadurch entsteht ein „Modell der Fähigkeit..., die man als bei den Akteuren vorhanden voraussetzen muss, um überhaupt begreifen zu können, wie die Angehörigen einer komplexen Gesellschaft Kritik äußern, Situationen infrage stellen, sich streiten oder zu einer Einigung kommen“. Damit wird die Theorie dann tatsächlich auch praktikabel; etwa, wenn es darum geht, das Gemeinwohl“ in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen zu stellen. Das in vielfältigen Formen der philosophischen, historischen und politischen Reflexionen diskutierte Modell der Rechtfertigung zeigen einerseits das Dilemma auf, dass „die Koordinierung der Handlungen eines einzelnen Individuums seitens des Akteurs ein Nachdenken über seine Handlungen und eine Überprüfung ihrer Kohärenz“ erfordern, andererseits, „dass mehrere Personen ihr Handeln koordinieren können, ohne deshalb Anforderungen hinsichtlich einer gemeinsam ausgeübten Kontrolle der Einigung an den Tag zu legen“. Zum anderen aber auch die Herausforderung und die Chance, Humanität beim Urteil walten zu lassen, „dass man sich nicht darauf beschränkt, den Begriff, den man sich von einer Person (oder Institution, JS) macht, an dieser Beurteilung festzumachen“ [36].

Die Fähigkeit und die Gefahren, Kompromisse zu schließen

Kompromisse eingehen zu können, das sei eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür, dass im lokal- und globalgesellschaftlichem Zusammenleben der Menschen ein friedliches, gerechtes und soziales Miteinander möglich ist. Diese von ethischen und moralischen, wie von Nützlichkeits-, Zweckmäßigkeitsüberlegungen und egoistischen Prämissen bestimmte Charakterisierung gilt als eine weitgehend anerkannte und praktizierte Auffassung. Die Einschätzungen über den Wert und die Gültigkeit von Kompromissbildungen jedoch fallen unterschiedlich aus. Deshalb hat die Frage, welche Bedeutung und welche Auswirkungen Kompromisse in jeweils aktuellen Situationen haben können, wie auch, welche Folgen sie in der Menschheitsgeschichte gehabt haben, in der Gegenwart haben und für die Zukunftsentwicklung der Menschheit zu erwarten sind, von großer Bedeutung. Der israelische Philosoph, Mitbegründer der Friedensbewegung Peace Now und Emeritus der Hebräischen Universität in Jerusalem und von Princeton, Avishai Margalit, stellt eine für unsere Selbsteinschätzung erst einmal irritierende These auf: „Wir sollten eher nach unseren Kompromissen beurteilt werden als nach unseren Idealen und Werten“. Dabei geht es ihm nicht in erster Linie um die ethischen und moralischen Vorstellungen, die das Idealbild des Individuums als grundsätzlich gutes, nach Zusammenhalt und einem gerechten Leben strebenden Lebewesen bilden; vielmehr drückt er sein Erstaunen darüber aus, dass in der Moralphilosophie der Begriff „Kompromiss“ kaum in Erscheinung tritt; wenn doch, dann höchstens als negative Haltung oder als ein eher abzulehnender Pragmatismus und schnödem, egoistischem Nützlichkeitsdenken unterworfene Einstellung. Damit sind wir dann auch schon bei der Erkenntnis, dass es sich dabei um einen äußerst mehrdeutigen Begriff handelt, und der „Kompromiss“ vom „faulen Kompromiss“ unterschieden werden muss; und zwar sowohl bei individuellen, wie gesellschaftspolitischen Handlungen. Es ist die Infragestellung und der Angriff auf das gemeinsame Menschsein, wie wir es in der von den Vereinten Nationen 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als Menschenwürde postulieren, die das „radikal Böse“ kompromissunfähig macht [37].

Ordnungsmuster

Über Bestimmungsformen, (Un-)Abhängigkeiten, Machtausübungen und Ohnmachtsempfinden wird im philosophischen, soziologischen und gesellschaftspolitischen Diskurs seit langem kongruent und disgruent diskutiert. Ob, wie und von wem die Welt geordnet ist, darüber gibt es seit Jahrtausenden Aussagen, Visionen und Ge- und Verbotsdiktate. Mit dem Begriff der (neuen) Weltordnung kommt zum Ausdruck, dass die Menschheit endlich von einer „Kultur des Krieges zu einer Kultur des Friedens“ kommen (Federico Mayor) und im Bewusstsein der Menschen eine universelle Verantwortungsethik Einzug halten müsse. Wir sind bei der großen Herausforderung an die Menschheit, sich gemeinsam eine allgemeingültige, nicht relativierbare Ordnung, also eine „globale Ethik“ zu geben, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 als „Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte, (die) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ grundgelegt ist. Der Politikwissenschaftler und Lehrstuhlinhaber für Internationale Beziehungen und Vergleichende Regierungslehre an der TU in Braunschweig, Ulrich Menzel, will mit seinem Buch „Die Ordnung der Welt“ nicht mehr und nicht weniger als „die Welt erklären“. Dabei geht es im darum, eine in den Zeiten der Globalisierung notwendige „Neue Weltordnung“ aufzuzeigen, hin zu einem Bewusstsein, dass die Menschheit in Einer Welt lebt, in der Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit für alle Menschen grundlegend sind. In den dargestellten, historischen Fallstudien seiner „Meistererzählung“ bietet Menzel nicht nur einen Schlüssel für ein geschichtliches Verständnis an, sondern er zeigt auch auf, wie wir als Individuen und Gemeinschaftswesen geworden sind, was und wie wir sind; und er weist damit auch Wege, wie Ängste der Menschen erkannt und bearbeitet werden können [38].

Vertrauen gegen Angst

„Vertrauen haben“, als ethische und moralische Charaktereigenschaft hat im philosophischen, gesellschaftlichen und individuell-alltäglichen Denken und Handeln einen hohen Stellenwert. „Vertrauen ist ein Phänomen, das… Komplexität reduzieren kann und Kooperation erleichtert oder überhaupt erst möglich macht“ – diese Lesart steckt in den Gewissheiten, mit denen wir eine vertrauensvolle Einstellung verbinden und einfordern für alle individuellen, lokalen und globalen Lebensbedingungen der Menschen auf der Erde [39]. Nach Vertrauen wird überall gefragt, und Vertrauen wird formell und faktisch bei vielfältigen, privaten, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Anlässen angeboten und gefordert. Die „Vertrauensfrage“, etwa im parlamentarischen Rahmen, gilt genau so als bedeutsam, wie in einer persönlichen Beziehung, im familiären und Freundeskreis. Misstrauen hingegen schafft Konflikte, kann Menschen entzweien und zu Völkerschlachten und Bürgerkriegen führen. Die Historikerin und Direktorin des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Ute Frevert, legt mit „Vertrauensfragen“ ein Buch vor, mit dem sie, wie im Untertitel formuliert „eine Obsession der Moderne“ konstatiert. Sie will den Begriff nicht nur beim Wort nehmen, sondern die vielfältigen Bedeutungen, Anwendungsformen und intellektuellen wie alltäglichen Ausprägungen historisch und aktuell herausarbeiten. Das ist kein l´art pour l´art – Unternehmen, sondern eine notwendige Auseinandersetzung, weil insbesondere der Vertrauensbegriff im alltäglichen, gesellschaftlichen und politischen Leben Anwendung findet, wo es sinnvoll und weiterführend wäre, wirklich danach zu fragen: „Was ist Vertrauen?“ – und „Meint der andere, der die Vertrauensfrage stellt, damit das gleiche wie ich?“. Sie zeigt auf, dass es notwendig ist, Handlungen, Gesten und Worte des Vertrauens sich bewusst zu machen und einzuüben: „Vertrauen als persönliches, zwischenmenschliches Gefühl segelt gleichsam im Windschatten moderner Sicherheitsarchitektur“. Dass sie in diesem Zusammenhang auf den Begriff „good governance“ verweist, zeigt zudem, dass eine individuelle und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Tugend „Vertrauen“ lokal und global dringend notwendig ist [40].

Jede Form von Angst kann gelernt und verlernt werden

Jeder Mensch zeigt von Geburt an bestimmte Signale, die Angst zum Ausdruck bringen. So kann etwa einem Kind Angst sowohl anerzogen, als auch genommen werden; etwa wenn Eltern einem Kleinkind eine Spinne als ein gefährliches Tier vorführen, oder selbst panische Angstzustände vor einer Maus zeigen, wird das Kind ebenfalls Angst empfinden und diese weiter entwickeln und erinnern [41]. Als typisch „gemachte Angst“ kann dabei angeführt werden, dass in der Kinderpsychologie lange Zeit davon ausgegangen wurde, dass Kleinkindern quasi Angst vor Fremden in den Genen läge. Diese „natürliche Angstkonditionierung“ wurde z. B. in zahlreichen Experimenten, Tests und Versuchen sogar wissenschaftlich nachzuweisen versucht, so dass dieses Märchen sich bis heute in einigen Erziehungsratgebern findet. Die neuen, neuronalen Forschungen widerlegen diese Auffassung und zeigen auf, dass Angst menschengemachte, positive und negative Gefühls- und Verhaltensäußerungen sind [42].

Gesichter der Angst

Die Auseinandersetzung mit dem Angstphänomen kann auf vielerlei Weise erfolgen, z. B. indem im Unterrichtsgespräch eigene Angsterfahrungen der Schülerinnen und Schüler zur Sprache kommen oder sich als gestalterische Arbeiten, wie etwa Bildern, Collagen, Rollenspielen, Reportagen oder Erzählungen ausdrücken. Andere Zugangsweisen bieten die Beschäftigung mit der Literatur. Zu allen Zeiten haben Schriftstellerinnen und Schriftsteller über die eigene Angst und Angstphantasien geschrieben; oder sich mit filmischen Darstellungen; Bildern auseinandergesetzt. Der Hamburger Kunsthistoriker Martin Warnke hat z. B. 22 Bilder ausgewählt, in denen Künstler aus dem Mittelalter bis in die Neuzeit „Gesichter der Angst“ dargestellt haben. Diese Abbildungen als Grundlage für die Diskussion über die Gewalt und Bewältigung von Angst zu nehmen, schafft die notwendige Distanz, bietet aber gleichzeitig die Möglichkeit der Identifizierung mit dem Phänomen [43] Besonders eindrucksvoll ist die Betrachtung und die Interpretation des Bildes „Der Schrei“ von Edward Munch, in dem sich Angstzustände, wie z. B. Hilflosigkeit, Ohnmacht, Ausgeliefertsein... deuten lassen. Der Karlsruher Sportwissenschaftler und Didaktiker Siegbert A. Warwitz hat eine Wagnistheorie entwickelt, mit der die Phänomene des Umgangs des Menschen mit der Angst, ihren Gefühlsempfindungen und Risikobereitschaft erklärt und beeinflusst werden können. Er erkennt acht typische Einstellungsmuster, die für Verhaltensmodifikation und  -training hilfreich sind: Vermeidungsverhalten, um Angst verursachenden Situationen auszuweichen; Bagatellisierungsverhalten, um Angstgefühle herunterzuspielen; Verdrängungsverhalten, um Angsterwartungen zu vermeiden;: Leugnungsverhalten, um aufkommende Angst nicht wahr zu nehmen; Übertreibungsverhalten, um Sicherheitsvorkehrungen zu ignorieren; Generalisierungsverhalten, um die Besonderheit von Ängsten zu leugnen; Bewältigungsverhalten, um Angst als Realität zu akzeptieren; Heroisierungsverhalten, um sich als Sieger über die Angst zu präsentieren [44]. Autor
Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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[1] Titel eines Kurzfilms von Shahbaz Noshir (2002), der an den Fassbinderfilm „Angst essen Seele auf“ (1974) anknüpft und Rassismus und Fremdenfeindlichkeit thematisiert

[2] Wulf Schmidt-Wulffen, Die "Zehn kleinen Negerlein". Zur Geschichte der Rassendiskriminierung im Kinderbuch, 2010, zur Rezension

[3] [4] [5] Marion Oliner, Psychische Realität im Kontext. Reflexionen über Trauma, Psychoanalyse und die persönliche Geschichte, 2014, zur Rezension

[6] Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 23. vollst. neu bearb. Auflage, Stuttgart 2009, S. 34

[7] Anette Baumeister-Duru / Helmut Hofmann / Helene Timmermann / Andrea Wulf, Psychoanalytische Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Angststörungen und Depressionen, 2013, zur Rezension

[8] [9] vgl. dazu: Jos Schnurer, „Ist Geld die Quelle allen Übels – oder hat Geld immer recht?“, 2.11.2013, zur socialnet Materialie

[10] Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, 2014, zur Rezension

[11] Werner Berschneider, Wenn Macht krank macht. Narzissmus in der Arbeitswelt, 2011, zur Rezension

[12] Anton Pelinka, Hrsg., Vorurteile. Ursprünge, Formen, Bedeutung, 2012, zur Rezension

[13] Joachim Bauer, Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2011, zur Rezension

[14] Wilhelm Berger, u.a., Hrsg., Kulturelle Dimensionen von Konflikten, 2010, zur Rezension

[15] Lukas Neuhaus, Wie der Beruf das Denken formt. Berufliches Handeln und soziales Urteil in professionssoziologischer Perspektive, 2011, zur Rezension

[16] Bernhard Rathmayr, Selbstzwang und Selbstverwirklichung. Bausteine zu einer historischen Anthropologie der abendländischen Menschen, 2011, zur Rezension

[17] Kurt Bayertz, Warum überhaupt moralisch sein? Verlag C.H.Beck, München 2004, 288 S.

[18] Jürgen Stock, Das wäre doch gedacht! Wie wir uns aus der Falle eingefahrener Denkmuster befreien, 2011, zur Rezension

[19] Siegfried Schumann, Individuelles Verhalten. Möglichkeiten der Erforschung durch Einstellungen, Werte und Persönlichkeit, 2012, zur Rezension

[20] Daniel N. Stern, u.a., Veränderungsprozesse. Ein integratives Paradigma, 2012, zur Rezension

[21] Holger Wyrwa, Konfliktsystem Mobbing, 2012, zur Rezension

[22] Rahel Jaeggi / Daniel Loick, Hrsg., Nach Marx. Philosophie, Kritik, Praxis, 2013, zur Rezension

[23] Richard Sennet, Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält, 2012, zur Rezension,

[24] Martina Franzen / Alena Jung / David Kaldewey / Jasper Korte Hrsg., Autonomie revisited. Beiträge zu einem umstrittenen Grundbegriff in Wissenschaft, Kunst und Politik, 2014, zur Rezension

[25] Günter Gödde, Takt und Taktlosigkeit. Über Ordnungen und Unordnungen in Kunst, Kultur und Therapie, 2011, zur Rezension

[26] Joseph Nye, Macht im 21. Jahrhundert. Politische Strategien für ein neues Zeitalter,2011, zur Rezension

[27] Arno Gruen, Wider den Gehorsam, 2014, zur Rezension

[28] Martha Nussbaum, Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angst, 2014, zur Rezension

[29] vgl. dazu auch: Herfried Münkler, Hrsg., Handeln unter Risiko. Gestaltungsansätze zwischen Wagnis und Vorsorge, 2010, zur Rezension

[30] Gerd Gigerenzer, Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft,2013, zur Rezension

[31] Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, zur Rezension

[32] Daniel N. Stern / Nadia Bruschweiler-Stern / Karlen Lyons-Ruth / Alexander C. Morgan / Jeremy P. Nahum / Louis P. Sander, Veränderungsprozesse. Ein integratives Paradigma, 2012, zur Rezension, sowie: Daniel N. Stern, Ausdrucksformen der Vitalität, 2011, zur Rezension

[33] Helmut Junker, Intersubjektivität und implizites Gedächtnis. Reflexionen veränderter therapeutischer Praxis, 2013, zur Rezension

[34] Christoph Dejours, Psychopathologien der Arbeit. Klinische Fallstudien, 2012, zur Rezension; siehe auch: Theresia Volk, Unternehmen Wahnsinn. Überleben in einer verrückten Arbeitswelt,2011, zur Rezension; sowie: Andrea Komlosy, Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive, 13. bis 21. Jahrhundert, 2014, zur Rezension

[35] Dieter Birnbacher, Tun und Unterlassen, 2015, zur Rezension.

[36] Luc Boltanski / Laurent Thévenot, Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft, 2007, zur Rezension

[37] Avishai Margalit, Über Kompromisse und faule Kompromisse, 2011, zur Rezension

[38] Ulrich Menzel, Die Ordnung der Welt. Imperium oder Hegemonie in der Hierarchie der Staatenwelt, 2015, zur Rezension

[39] Martin Hartmann, Die Praxis des Vertrauens, 2011, zur Rezension

[40] Ute Frevert, Vertrauensfragen. Eine Obsession der Moderne, 2013, zur Rezension; sowie: Cornelia Muth / Annette Nauerth, Hrsg., Vertrauen gegen Aggression. Das dialogische Prinzip als Mittel der Gewaltprävention, 2010, zur Rezension

[41] David Eagleman, Inkognito. Die geheimen Eigenleben unseres Gehirns, 2012, zur Rezension

[42] Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, 2011, zur Rezension

[43] Martin Warnke, Gesichter der Angst, in: Kursbuch Angst, Rowohlt-Verlag, Berlin, März 2005, Heft 159, S. 44ff die dort abgebildeten, kleinformatigen SW-Fotos werden in die Bereiche „Angstmacher“, Angstzustände“, Angstgebärden“, „Angstschreie“, Angstträume“ und „Angsthasen“ gegliedert; sie sind im Internet abrufbar oder auch in Kunstbildbänden präsent

[44] Siegbert A. Warwitz, Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsmodelle für grenzüberschreitendes Verhalten, Schneider-Verlag, Bartmannsweiler 2001, 333 S.

Aktuelle Rezension

Buchcover

Olaf Dörner, Peter Loos, Burkhard Schäffer u.a. (Hrsg.): Dokumentarische Methode. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 154 Seiten. ISBN 978-3-8474-2074-3.
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