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Achtsamkeit – ein neues (altes) Zauberwort?

Dr. Jos Schnurer

30.07.2018

Zeitungsausschnitte zum Thema Achtsamkeit Bildcollage: Dr. Jos Schnurer
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Achtsamkeit in der von Momentanismen, Egozentrismen, Rassismen und Populismen geprägten Welt ist notwendiger denn je, und das individuell und kollektiv, lokal und global! Unter dieses Motto stellt Dr. Jos Schnurer seinen engagierten Beitrag, in dem er einem Trendbegriff auf den Grund geht. 

Die Tugend „Achtsamkeit“ wird im anthropologischen, philosophischen, psychologischen und psychoanalytischen  Diskurs als klarer, deutlicher und ganzheitlicher Bewusstseinszustand bezeichnet, „der es erlaubt, jede innere und äußere Erfahrung im gegenwärtigen Moment vorurteilsfrei zu registrieren und zuzulassen“[1]. Die zahlreichen Benennungen und Umschreibungen dieser Lebenseinstellung verdeutlichen, wie vielfältig und differenziert diese bewussten und unbewussten Empfindungen betrachtet werden können: Aufmerksamkeit, Empathie, Wahrnehmung, Stabilität, Selbstregulation, Emotion, Offenheit, Geistesgegenwärtigkeit, Ruhe, Konzentration, Einsicht, Autonomie, Resilienz… „Mindfulness based Stress Reduction“ (MBSR) als Konzept und Methode wurde 1995 vom US-amerikanischen Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn entwickelt. Er baut Erfahrungen aus dem Hatha-Joga, Vipassana und Zen zu einer Meditationsmethode zusammen. Sie wird mittlerweile in verschiedenen Therapien und Achtsamkeitsübungen eingesetzt. Die Angebote reichen von individuellen und gruppenbezogenen, therapeutischen Übungen, in der Schule, bis hin zu Interventionen in der modernen Arbeitswelt. Der Physiotherapeut und Achtsamkeitslehrer Jan Eßwein ist überzeugt, dass Achtsamkeit eine Lebenslehre ist, die jeden Menschen angeht und helfen kann: „Im Kleinen fängt die Achtsamkeit damit an, dass ich meine Emotionen und Gedanken wahrnehme“; und in größeren Zusammenhängen, „was mir guttut und was nicht… Achtsamkeit hilft uns, die eigenen Emotionen bewusster wahrzunehmen und dadurch zu regulieren“[2]. Auch in der Bildung und Erziehung hat Achtsamkeit als Wert und Anforderung eine besondere Bedeutung[3]

In den folgenden Annotationen wird subjektiv ausgewählte, meist im Internet-Rezensionsdienst www.socialnet.deund im Fachportal www.sozial.de thematisierte, wissenschaftliche Fachliteratur vorgestellt. Das Motto könnte lauten: Aufmerksamkeit in der von Momentanismen, Egozentrismen, Rassismen und Populismen geprägten Welt ist notwendiger denn je, individuell und kollektiv, lokal und global!

Zum Beginn ein Nachruf

Es ist irgendwie bezeichnend und vielleicht auch symptomatisch, dass die letzte Nummer der vierteljährlich erschienenen Kulturzeitschrift  DER ALLTAG, ausgerechnet den  Schwerpunkt „Sittenlockerung“ trägt. Die umfangreiche Zeitschrift im Format  23 x  16 cm, also handlich, wollte den ALLTAG gegen den Sonntag verteidigen und die „Sensationen des Gewöhnlichen“ darstellen. Am Sonntag nämlich, so die Redaktion, „werden die großen Reden geschwungen, über die Sinnkrise oder die nationale Identität oder die Tragödie der europäischen Kultur“. Im Gegensatz dazu der Alltag, dort „fühlen Sie ihr Leben, und wir erzählen es Ihnen noch einmal, damit es nicht spurlos vergeht“. Die Zeitschrift, die meist rund 200 Seiten umfasste, wurde gemacht von Walter Keller (Zürich/New York), Michael Rutschky und Maruta Schmidt (Berlin). Und die Autorinnen und Autoren kamen aus allen Schichten und Zeiten. Über Plato wurde geschrieben, und über Karl Marx; Professoren, Künstler, Dachdecker und Reiseschriftsteller meldeten sich zu Wort - eigentlich die ganze Bandbreite unserer Gesellschaft. Immer hat es die Redaktion verstanden, den Zeitläuften auf der Spur zu sein. Themen wie „Das geheime Leben“ (Bd.63), „Das liebe Geld“ (66), „Verboten“ (70), „Wie erst jetzt die DDR entsteht“ (72) oder „Klassenkampf“ (76) sind und bleiben aktuell.

Mit „Sittenlockerung“ beendete die Redaktion und der Verlag ELEFANTEN PRESS, Berlin, das zwanzigjährige Experiment. Dabei ging es um die immer wieder neue Auseinandersetzung darüber, wie dem „Verfall der Sitten“ Einhalt geboten werden könne, durch quere, verquere, quengelige und  quirlige Beiträge; etwa wie der Sport gegen den Verfall der Sitten im Sport ankämpft, wie man durch „Abenteuerbanking“ doch noch zu Geld kommt, wie sittenlose Bilder und Sprüche gegen die Sittenlosigkeit die Stadt überfluten, wie Kinder und Jugendliche in Obdachlosenunterkünften und unter Brücken leben, und über „Familienverhältnisse“ früher und heute. Der Leser las sich fest. Die Replik auf Norbert Elias Auffassung von der „Informalisierung“ wies die Richtung zur Auseinandersetzung über den „Prozess der Zivilisationen“. Nicht die „Schwarzsicht“ war gefragt, wenn es um die Frage nach den Werten und Normen in einer Gesellschaft ging, sondern die einfache Erkenntnis: „Verhaltensstandards auszuhandeln, bleibt zunehmend den Beteiligten selbst überlassen, es braucht kein Zentralkommando“. Der linksorientierte Berliner Verlag wurde 2000 „abgewickelt“, also an Random House verkauft, wird aber seit 2002 vom Berliner Espresso-Verlag mit durchaus aufmüpfiger Produktion, wie z. B. dem „Karicartoon-Kalender“ (2018), weitergeführt[4]

„Respekt ist ein knappes Gut“

Mit dieser scheinbar pessimistischen Auffassung meldet sich der US-amerikanische Kulturphilosoph Richard Sennet zu Wort. Die Frage, was „Respekt“ eigentlich sei, versucht er eigene Erinnerungen, Erlebnisse und Erfahrungen in diesen intellektuellen Prozess des Nachdenkens über die vielberufene, aber gleichzeitig nur schwer fassbare Tugend zu ergründen: Status, Prestige, Anerkennung, Ehre, Würde. Sennets Arbeit zeichnet sich darin aus, dass sie „Stärke“ und „Schwäche“, „Macht“ und „Ohnmacht“ in Frage stellt und die Gleichheit, jene Autonomie des Menschen, um die seit Jahrtausenden immer wieder gerungen wird, auf eine neue gesellschaftliche Waage legt. Autonomie bedeutet, „dass man an anderen Menschen akzeptiert, was man nicht versteht“. Das heißt nicht nur, dass man Schwachen oder Außenseitern Autonomie zubilligt und ihnen damit ihre Würde lässt; es heißt auch, eine gesellschaftliche Kultur zu entwickeln, „wie der Starke jenen Menschen mit Respekt begegnen kann, die dazu verurteilt sind, schwach zu bleiben“. Er setzt damit mit seinem Buch jenen Diskurs fort, den zum Beispiel die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 mit der Forderung nach einer „globalen Ethik“ und der Forderung nach internationalen Standards für Menschenrechte, Demokratie und Minderheitenschutz initiiert hat; denn „Armut, Arbeitslosigkeit, Hunger, Unwissenheit, Krankheit, Elend und Ausgrenzung sind Übel, die noch nicht eingedämmt sind. Sie werden noch genährt durch kulturelle Traditionen einer engstirnigen Selbstsucht, von Vorurteilen und irrationalem Hass“. Sennets Plädoyer für Respekt ist bestimmt von der Vision einer „lebendigen Demokratie“, nach Zivilcourage und Mut im Alltag[5]. Es ist der „homo faber“, der mit seinem aktiven Tun, seiner Intelligenz und Kreativität die menschliche Gemeinschaft schafft[6].

Toleranz ist Konsequenz

Niemand wird in Zweifel ziehen, dass ein individuelles oder gesellschaftliches Verhalten auf bestimmten, in der Gesellschaft vereinbarten, festgelegten und sozial und kulturell entstandenen Werte- und Normenvorstellungen beruhen müssen, soll ein friedliches und menschenwürdiges Zusammenleben der Menschen in einer Gemeinschaft stattfinden. Niemand sollte auch daran zweifeln, dass solche Konventionen sich ändern und Einstellungen wie „Das haben wir schon immer so gemacht!“, oder „Das haben wir noch nie so gemacht!“ für eine Gesellschaftsentwicklung schädlich und zerstörend sind. Weil sich Menschen verändern, ist Stillstand und das Beharren auf traditionalistischen Einstellungen das Ende einer funktionierenden Gesellschaft.

Ein weiterer Hinweis ist wichtig: Klagen über Fehlverhalten, Provokationen, Widersprüche und Grenzüberschreitungen von Kindern und Jugendlichen gegenüber Erwachsenen und gesellschaftlichen Ordnungen hat es gegeben, seit Menschen sich zu Gemeinschaften zusammengeschlossen haben[7]. Es geht um die schwierige Tugend der Toleranz, bei der immer auch die Gefahr besteht, dass sich bei der Balance zwischen eigenen Einstellungen und der Akzeptanz von anderen Meinungen und Lebensentwürfen die Gewichte verschieben: „Wenn alles zu einer Frage des persönlichen Urteils oder privaten Geschmacks wird, verlieren die Menschen den Sinn für soziale Identität und Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, deren Allgemeininteressen über ihre Partikularinteressen hinausgehen“ (Bernhard Williams). Es gilt deshalb, im Diskurs um tolerantes Verhalten, die doppelte Bindung von Sein und Schein, von individuellen und kollektiven Befindlichkeiten, von Trends, Modeerscheinungen und kultureller Identität zu beachten[8].

Axel Becker, der durch seine Lebenserfahrungen als Seemann, Polizist und Lehrer in der Lage sein dürfte, nicht in die überall bereitstehenden Fallen und Fettnäpfchen zu tappen, die bei der Frage nach der Toleranz überall bereitstehen, begibt sich mit seinem Buch „Die Toleranzfalle“ auf glattes, spiegelndes und glitschiges Eis. Das wird ihm wohl bewusst sein; und doch tappt er hinein bei der rigorosen und  ordnungsdominierten Voranstellung von Normenforderungen und der Vernachlässigung der Beachtung von systembedingten Imponderabilien. Es ist richtig, dass der Mensch, um Mensch zu werden und sein anthropologisches Ziel und seine Bestimmung erreichen zu können, ein gutes, gelingendes Leben zu führen, ein humanes Ordnungssystem und Regeln und Rituale benötigt, die in der Gesellschaft entwickelt und demokratisch mehrheitlich vereinbart werden. Aber es ist auch notwendig in den Spiegel zu schauen und überkommene, alltagspraktizierte und scheinbar selbstverständliche Einstellungen und Verhaltensweisen kritisch zu reflektieren. Defizitorientierte, gesellschaftspolitische Analysen zum individuellen und kollektiven Zustand einer Gemeinschaft sind notwendig; sie bedürfen als Korrektiv und Ergänzung einer weitergehenden Gesellschafts- und Systemkritik[9].

Gefühle sind Bewegungen der Seele

Dass im psychologischen Diskurs der Gefühlszustand des Menschen eher dem rationalem, verstandesgemäßem Denken und Handeln nachgeordnet wurde, hat damit zu tun, dass bereits in der antiken Philosophie, etwa in der aristotelischen Nikomachischen Ethik, Pathos, Emotion, Affekt und Gefühl als Unterklasse des Qualitativen eingeordnet wurden: „Unter Pathos verstehe ich Begierde, Zorn, Furcht, Mut, Neid, Freude, Zuneigung, Hass, Sehnsucht, Eifersucht, Mitleid, überhaupt alles, was mit Lust und Schmerz verbunden ist“ (Aristoteles-Lexikon). Die Descartesche Feststellung „cogito ergo sum“ („ich denke, also bin ich“) drückt das umfassende Ergebnis des menschlichen, individuellen und kollektiven Nachdenkens über das „Wer bin ich?“ aus. Dabei mündet dieses intellektuelle Erkunden des menschlichen Daseins immer auch in der Erfahrung, dass der Mensch sich seiner Gedanken unmittelbar bewusst sei, während er die Dinge, die von der Außenwelt auf ihn einwirken, nur unmittelbar aufnehme.

Die Frage, wie unser Bewusstsein entsteht, wird philosophisch meist damit beantwortet: Aus unserem bewussten Geist. Was aber unser Geist ist, lässt sich wiederum nicht messen und schon gar nicht anschauen; denn unseren Geist spüren wir nur selbst von unserem Innern heraus. Die Vermutung, dass unser Geist in unserem Gehirn entsteht, ruft – neben den Philosophen – diejenigen auf den Plan, die unser Gehirn als ein Organ kennen: Die Neurologen und Psychologen. Der Neurowissenschaftler António R. Damasio ist überzeugt: „Ich seh´ es fühlend“. Er untersucht die vielfältigen, festgefügten und differenzierten Wechselwirkungen zwischen Gefühl und Verstand. Dabei schaut er auf die evolutionäre, historische Entwicklung des Menschen und vergleicht sein emotionales und rationales Verhalten. Es sind die vielfältigen Antriebe, Versuchungen, Erlebnisse, Schmerzen, Leid und Lust, bis hin zu den scheinbaren und tatsächlichen Erfahrungen, die Menschen empfinden, wenn sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen, sich Gefühlen aussetzen, als Kalkulatoren, Macht- oder Druckmittel einsetzen und sich damit kulturell äußern.

Die Frage nach dem „kulturellen Geist des Menschen“ ist unmittelbar verbunden mit dem Bewusstsein, dass Leben sich im homöostatischem Gleichgewicht befinden müsse, bei dem „Leben innerhalb eines Bereichs reguliert wird, der nicht nur mit dem Überleben verträglich ist, sondern auch dem Gedeihen dient und eine Fortsetzung des Lebens in der Zukunft eines Organismus oder einer Spezies ermöglicht“. Weil Leben immer Veränderung ist, sind auch die verschiedenen Formen der Homöostase für körperliches und geistiges Dasein bedeutsam. Es sind Prozesse und Wirksamkeiten, die sowohl den inneren, als auch auf den äußeren Organismus beeinflussen, die Subjektivität des Bewusstseins steuern, die bildbasierte Gedächtnisfunktion einbeziehen, sich in emotionalen und kreativen Aktivitäten äußern, die Notwendigkeit von kooperativem Denken und Tun betonen, sich in emotionsgeladenen Bewegungen und Gesten zeigen, in den Genen festgelegt, aber auch menschengemacht sind[10].

Homo creator

Ist es mehr Wunschtraum als Realität, dass der anthrôpos, der mit Vernunft ausgestattete, nach einem guten Leben strebende Mensch durch seinen aufrechten Gang nicht nur in der Lage und fähig ist, in Gemeinschaft mit den Mitmenschen human zu existieren, sondern auch durch seine Neugier und Handfertigkeit kreativ zu sein? Creare, das schöpferische Tun, hat seit Jahrtausenden einen süßen Klang, wie gleichzeitig ein Versprechen, dass kreatives Schaffen Menschsein zu ungeahnten Höhen befördert, Emanzipation und Freiheit ermöglicht und zu einer „Ästhetisierung des Sozialen“ führt. Der an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder lehrende Kultursoziologe Andreas Reckwitz spricht vom „Kreativitätspositiv“, wenn es darum geht, die Bedeutung und die Möglichkeiten des kreativen Denkens und Handelns der Menschen zu betrachten: „Das Neuartige im Sinne des Kreativen ist dann nicht lediglich vorhanden wie eine technische Errungenschaft, es wird vom Betrachter und auch von dem, der es in die Welt setzt, als Selbstzweck sinnlich wahrgenommen, erlebt und genossen“[11]. Es wurde sogar das „kreative Zeitalter“ (Richard Florida) ausgerufen. In den Zeiten der lokalen und globalen Abhängigkeiten und unbegrenzten Einflüsse soll Kreativität zu einem Rettungsanker werden. Die Blickrichtung geht dabei jedoch vornehmlich auf ökonomische und weniger auf ökologisch-ganzheitliche Fragen.

Der US-amerikanische Philosoph John Dewey (1859 – 1952) hat die Fülle, die Bedeutung und die Chancen der kreativen Kräfte der Menschen so ausgedrückt: „Herauszufinden, wozu man sich eignet und eine Gelegenheit zu finden, das zu tun, ist der Schlüssel zum Glücklichsein“. Der Weimarer Wissenschaftsjournalist Egon Freitag legt das (erste) Kreativitätslexikon vor, in dem er die zahlreichen Begrifflichkeiten und Interpretationen zu Kreativitätsaspekten notiert und den Prozess in der Kreativitätsforschung aufzeigt. Die im Buchumschlag gewählte, farbige Abbildung – eine zwischen Atmosphäre und Boden schwebende, auf die Spitze gestellte Pyramide, eintauchend wie wolkenverhangen – vermittelt den Leser einen Eindruck des Geheimnisvollen, Verdeckten und gleichzeitig Ahnbaren, von Gipfelerlebnissen und gelingender wie misslingender Selbstverwirklichung. In der wissenschaftlichen, psychologischen und Kognitionsforschung[12].

Lebenskunst

Wenn es stimmt, dass jeder Mensch ein Philosoph ist, zumindest sein könnte, dann wäre es ja (eigentlich) einfach, ein gutes, gelingendes und menschenwürdiges Leben zu führen. Das nämlich ist das anthropologische Grundverständnis, wie es uns das abendländische Denken übermittelt hat: Der anthrôpos, der Mensch, ist ein Lebewesen, das mit Vernunft ausgestattet und in der Lage ist, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. Die Fähigkeit, Allgemeinurteile zu fällen, ermöglicht ihm und fordert ihn heraus, als Individuum und Gemeinschaftslebewesen human zu leben. Die Erkenntnis, dass jeder Mensch an jedem Ort und zu jeder Zeit die Verantwortung mit sich trägt, jedem Menschen auf der Erde ein gutes und gerechtes Leben zu ermöglichen, wird von Philosophen in der Vergangenheit und Gegenwart mit unterschiedlichen Aufrufen, Konzepten und Ideen beworben[13]. Der praktische Philosoph Albert Kitzler hat in Berlin das Philosophikum „MASS UND MITTE“, die „Schule für antike Lebensweisheit“ gegründet. Mit Vorträgen, Werkstattgesprächen, Workshops und Seminaren bringt er Menschen zusammen. Er geht davon aus, dass Lebensweisheit nur in gleichwertiger Verbindung von theoretischem und praktischem Wissen entsteht und nur gleichwertige theoretische und praktische Kenntnisse zu einem guten, gelingenden Leben führen. Nur ein Wissen, das auch angewendet werden kann, ist Weisheit. Nach Lebensweisheit zu streben, heißt nicht, ein Event oder ein momentanes Erlebnis und Gefühl zu wünschen und auszukosten, sondern es einzubetten in ein lebenslanges, stetiges Verlangen. Insofern ist die Suche und das Aufspüren von Lebensweisheiten, die Philosophen in der Antike gedacht haben, nichts anderes als die Vergewisserung des Lebenswissens als Beständigkeit des Menschseins. Gerade in den Zeiten des Momentanismus kommt es darauf an, Angepriesenes, Präsentiertes, Manipuliertes und Fatalisiertes von Realem unterscheiden und bewerten zu können. Die Einstellung „Ich-will-Alles-und-das-sofort!“ ist eine Falle und führt zu Irrungen, Verwirrungen und Selbstüberschätzungen. Der Autor verweist darauf, dass es im Diskurs der „Lebenskunde“ vielfältige fachbezogene und -übergreifende Analysen, Anamnesen und Ratgeber gibt. Er vermisst bei ihnen den Blick auf die Gesamtheit des Lebens und die Wirkungen und Auswirkungen auf „das Leben in seiner ganzen Breite und Tiefe“. Er will die Leserinnen und Leser mit in die Schule des römischen Staatsmannes und Philosophen Lucius Annaeus Seneca nehmen[14]. Dabei thematisiert er nicht vordringlich analytische  Begrifflichkeiten und theoretische Gerüsten der sprachlichen Bedeutung der Grundbausteine des Lebens, sondern er will mit den Leserinnen und Lesern darüber nachdenken, wie „das Leben nachhaltig und sinnvoll zu gestalten“ ist. Mit Seneca leben lernen, dieser Vorsatz bleibt Schall und Rauch, solange es nicht gelingt, dass Individuen und Gesellschaften ihre eigenen, historisch entstandenen und gesellschaftlich gemachten Denk- und Verhaltensweisen überdenken und verändern. So wird des römischen Philosophen immerwährende Aufforderung, umzudenken und zu einer weisen Lebensführung zu kommen, zu einer ganz aktuellen Lebensschulung[15].

Der Mensch als deutendes Wesen

Der Karlsruher Philosophen Hans Lenk setzt sich in seiner Studie über human-soziale Verantwortung des Menschen mit den Logiken auseinander, wie sie im theoretischen und praktischen Handeln deutlich und wirksam werden. Er zeigt die verschiedenen Strukturen von Verantwortungskonzepten auf und erläutert die unterschiedlichen Zuschreibungs- und Interpretationskonstrukte. Wichtig ist dabei zu erkennen, dass humane Verantwortung mit der „Selbstverantwortlichkeit“ beginnt, wie sie sich in der Jonasschen „Ethik der Verantwortung“, im Kantischen „Kategorischen Imperativ“ darstellt und die „Systemverantwortung“ notwendig macht. Während sich einerseits die lokalen und globalen Bemühungen um eine gerechtere, friedlichere und menschenwürdigere Eine Welt im transnationalen und -kulturellen Kontexten verstärken, irritieren die sowohl lokalen und globalen Kakophonien von Nationalismen, Fundamentalismen, Rassismen, Populismen und Fake News. In dieser unsicheren Gemengelage ist Verantwortung gefragt. Human-soziale Verantwortung umfasst demnach alle Verhaltens- und Ethikkodizes, die Humanität möglich macht[16].

Ethnozentristisch denken heißt begrenzt denken

„Das Böse ist überall!“ – diese Einschätzung aus den Zombi-Machwerken ist ja eine Tatsache, die sich in der Geschichte der Menschheit historisch nachweisen lässt. Die Feindschaft zwischen Individuen und Völkern hat zu unendlichem Leid, Verzweiflung und Zerstörung geführt. Immer wieder sind Menschen aufgetreten, ob mit religiösem, weltanschaulichem, politischem, psychologischem oder pädagogischem Impetus, um nach den Gründen und Ursachen zu forschen, wie Unverträglichkeiten entstehen. Jean-Paul Sartre hat in seinem Vorwort zu Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“ (1961) darauf aufmerksam gemacht: „Wir leben in der Zeit der Explosionen“. Er wollte darauf hinweisen, dass Fanonmit seinem Buch über die Macht und Gewalt des Kolonialismus und seinem Aufruf zur Befreiung der Kolonisierten von der Kolonialherrschaft einen Paradigmenwechsel von einer getrennten hin zu einer gleichberechtigten (Einen?) Welt forderte. Die von vielen Menschen empfundenen Ungerechtigkeiten und Machtverhältnisse im lokalen und globalen Gegeneinander und die dabei wirksam werdenden Unsicherheiten und Ängste werden benutzt, um scheinbar einfache Antworten auf komplizierte gesellschaftliche Prozesse zu formulieren.

Der Kameruner Politikwissenschaftler und Postkolonialismus-Theoretiker Achille Mbembe hat mit seiner „Kritik der schwarzen Vernunft“ (2014) insistiert, dass in den Zeiten der zunehmenden rassistischen, ethnozentrierten und nationalistischen Tendenzen der Appell „Philosophen aller Länder vereinigt euch!“ angesagt und die Fähigkeit gefragt ist, „das eigene Gesicht in dem des Fremden wiederzuerkennen, die Spuren des Fernen in der nächsten Umgebung zu würdigen, sich Unvertrautes zu eigen zu machen und mit dem zu arbeiten, was gemeinhin als Gegensatz erscheint“[17]. Mit seinem Essay stellt er „Feindschaft“ auf den Prüfstand der sich immer interdependenter, entgrenzender und sich ungerecht entwickelnden (Einen?) Welt. Es ist eine Abrechnung mit den gewaltsamen, zerstörerischen Kräften, wie sie sich vor allem im Faschismus, Kolonialismus und Imperialismus europäischer Prägung gezeigt haben, und wie sie heute wirksam sind, „in den Windungen der erneuerten Judenfeindlichkeit, wie ihres Gegenstücks, der Islamfeindlichkeit…, in Gestalt des Wunsches nach Apartheid und Endogamie, der unsere Zeit quält und uns in einen halluzinierenden Traum stürzt, in den einer ‚Gemeinschaft ohne Fremde‘“. Wie kann man diesem Phänomen des Zerstörerischen, der Isolation und Verbohrtheit beikommen? Der Philosoph Mbembe wählt dafür die „bildhafte Sprache, die zwischen Schwindel, Auflösung und Zerstreuung schwankt“. Es ist die Auseinandersetzung mit dem Paradoxon, dass einerseits in den Zeiten der Globalisierung die Welt schrumpft, andererseits durch Bevölkerungszunahme vor allen im Süden der Erde zunimmt. Die Frage nach einer „allgemeinen Menschheitsdemokratie“ bleibt bestehen, solange der Geist der Feindschaft in der Welt ist. Es ist der „Trennungs- und Ungleichheitswahn“, der Mächte, Ideologien, Regierungen und Gesellschaften nach zerstörerischen und menschenfeindlichen Lösungen und Sehnsüchten nach „Einheit“ greifen lässt und Unfrieden und Ungerechtigkeit in die Welt bringt. Seine Vision von der „All-Welt“ ist ein wichtiger Baustein, sie zu bauen[18].

Zukunft ist die Verlängerung von Vergangenheit und Gegenwart

„Nach uns die Zukunft“, so begründete der Schweizer Umwelt- und Menschenrechtsaktivist Hans A. Pestalozzi seinen Vorschlag von der „positiven Subversion“ (1979). Die Metapher „Die Zukunft hat bereits begonnen“ gilt als Aufforderung, das menschliche Dasein „erdbewusst“ zu denken (Wolfgang Welsch). Der Bielefelder Historiker Joachim Radkau macht sich auf die Suche nach der Zukunft, nicht esoterisch, wahrsagerisch oder phantasierend, sondern indem er ganz konkret die individuelle und kollektive Entwicklung der Deutschen in der Nachkriegszeit bis heute. Es ist ein Zick-Zack-Kurs von ordnungsbestimmenden, gesellschafts- und kulturoptimistischen und –pessimistischen Stimmungen und Politiken, der die historische Studie bestimmt, Hoffnungen und Enttäuschungen, Fortschritt und Übergriffe benennt, die den Autor zu zehn Ergebnissen seiner Zukunftssuche bringt: Perfekte Zukunftsprognosen gibt es nicht! –  Auf Augenhöhe auseinandersetzen! -  Fakten überprüfen! – Zukunftsvorstellungen sind keine prophetischen Heilsversprechen! – Eigene Meinungen von ideologisch anderen unterscheiden! – Zukunftsprognosen verifizieren! -  Zukunftsentwürfe beginnen im Hier und Jetzt! – Zukunftsdenken wagen! – Fatalismen sind keine Grundlagen für Zukunft! – Utopien als Visionen denken![19]

Die (soziale) Logik des Allgemeinen verliert ihre Vorherrschaft an die (soziale) Logik des Besonderen

Es ist das Besondere, Einzigartige, das abhebt und unterscheidet vom Allgemeinen, Gewohnten, Alltäglichen, Vernünftigen und Logischen. Das Allgemeine stellt in einzigartiger, unumstößlicher und allgemein gültigen Weise das Besondere dar – und nicht umgekehrt das Spezielle das Allgemeine. Hier schon setzt das Dilemma der Wertung ein: Das Individuum ist bestrebt, in seiner Identität das Einzigartige hervorzuheben: „Nicht an das Standardisierte und Regulierte heften sich die Hoffnungen, das Interesse und die Anstrengungen von Institutionen und Individuen, sondern an das Einzigartige, das Singuläre“. Mit dieser aktuellen Bestandsaufnahme meldet sich der an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder lehrende Kultursoziologe Andreas Reckwitz mit seiner Studie über die „Gesellschaft der Singularitäten“ zu Wort. Er spricht von einer „Explosion des Besonderen“, wenn er aufzeigt, auf welchen Gebieten und bei welchen Situationen die Menschen von heute die traditionellen, im anthropologischen, philosophischen Denken überlieferten Auffassungen und Gewissheiten, die zur Identitätsbildung herangezogen wurden, austauschen gegen Einstellungen und Haltungen, die vom „spätmodernen Subjekt“ goutiert werden: „An alles in der Lebensführung legt man den Maßstab der Besonderung an: wie man wohnt, was man isst, wohin und wie man reist, wie man den eigenen Körper oder den Freundeskreis gestaltet“.  Der Kultursoziologe nimmt nun diese Entwicklung nicht zum Anlass, bedauernd dem Verloren gegangenen nachzujammern, noch in den Chor der Fortschrittsoptimisten einzustimmen; vielmehr will er einen soziologischen Diskurs der Moderne führen, in dem er in einer differenzierten Betrachtung deutlich macht, dass „Standardisierung und Singularisierung, Rationalisierung und Kulturalisierung, Versachlichung und Affektintensivierung ( ) die Moderne … von Anfang an geprägt (haben)“. Er unternimmt eine kritische Analyse und eine Sensibilisierung „für die Konfigurationen des Sozialen und ihre Geschichtlichkeit zu entwickeln dafür, wie sie zu Strukturen der Herrschaft und der Hegemonie gerinnen, die den Teilnehmern möglicherweise nur schemenhaft bewusst sind“. Reckwitz unternimmt mit seinem Buch nicht mehr und nicht weniger als einen Perspektivenwechsel: „Wir leben nicht mehr im industriellen, sondern im kulturellen Kapitalismus“. Er knüpft damit an die Vision an, dass die Kreativität einen Wert des Menschseins darstellt, dem es gilt, im individuellen und kollektiven, lokalen und globalen Dasein der Menschen eine stärkere Bedeutung zuzumessen (Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14393.php).

Die lebensweltliche Konkurrenz zwischen einer sozialen Logik des Allgemeinen und einer sozialen Logik des Besonderen fordert Analysten heraus. Mit dem „doing generality der Moderne“ wird deutlich, dass die Denkwürdigkeiten und Tätigkeiten des modernen Menschen um „Objekte und Dinge, menschliche Subjekte, Kollektive, Räumlichkeiten und Zeitlichkeiten“ kreisen und sich existenziell und kulturell manifestieren und polarisieren. Bei der Frage, wie sich der Strukturwandel in den Industriegesellschaften „von einer Ökonomie der standardisierten Massengüter zu einer Ökonomie der Singularitäten“, und zu einer „Kulturalisierung der Ökonomie“ vollzogen hat, werden Phänomene erkennbar, die bisher im analytischen, soziologischen Blick deshalb nicht deutlich werden konnten, weil die den funktionalen Gütern und Werten zugeschriebenen Zeitstrukturen und die damit einhergehende Festlegung des „Gebrauchswerts“ selbstverständlich war. Die temporale Struktur der kulturell singulären Güter jedoch wird bestimmt von der Doppelstruktur „eine (r) extrem kurzfristige(n) Orientierung am Erleben im Moment und eine (r) extrem langfristige(n) Orientierung an einem bleibenden kulturellen Wert“. Das „Singularitätskapitel“ erhält somit nicht nur einen individuellen und gesellschaftlich verwertbaren Nutzen, sondern auch einen identitätsstiftenden Mehrwert. „Die soziale Logik der Singularitäten erlangt eine strukturbildende Kraft in der Ökonomie, in den Technologien und in der Arbeitswelt, in den Lebensstilen und den Alltagskulturen sowie in der Politik, während der in der klassischen Moderne dominanten sozialen Logik des Allgemeinen nurmehr die Rolle einer ermöglichenden Infrastruktur zukommt“[20].

Chaos ist überall – und Hoffnung auch!

„Chaos“ wird im Fremdwörterbuch erläutert als „totale Verwirrung, Auflösung aller Ordnungen, völliges Durcheinander“. Die „Chaos“-Theorie allerdings drückt aus, dass „Alles mit Allem zusammenhängt“ und der Mensch aufgefordert ist, ein Gleichgewicht bei sich und der Natur herzustellen; und zwar nicht aussitzend, duldend und abwartend, dass andere es schon richten werden, sondern zugreifend und aktiv handelnd. Auf das Chaos folgt die Revolution! Der Journalist, Autor und Mitbegründer des unabhängigen Fernsehmagazins Kontakt TV, Fabian Scheidler, verweist in dem 2015 erschienenem Buch „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ auf die Gefahren, die den Individuen und Gesellschaften der Menschen drohen, wenn es nicht gelingt, den menschengemachten Wirtschafts-, Finanz-, Umwelt-, System- und sozialen Krisen echte, humane Alternativen entgegen zu setzen. Mit seiner neuen Veröffentlichung nimmt er das „Chaos“ in der Welt zum Anlass, um ein neues Zeitalter der Revolutionen auszurufen. Damit stellt er dem Chaos die Hoffnung gegenüber, dass es gelingen möge. „dem Rüstungswahnsinn Einhalt zu gebieten und für eine neue Friedensordnung einzutreten“. Denn die Lage der Welt stellt sich aktuell als äußerst besorgniserregend dar. Die neoliberalen und kapitalistischen Entwicklungen führen dazu, dass sowohl in den nationalen Gesellschaften, als auch und vor allem im globalen Maßstab, die bereits Wohlhabenden immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden, die Besitzenden und gesellschaftlichen Gewinner immer mehr Macht erwerben und die Verlierer immer ohnmächtiger werden. Geostrategisch vollziehen sich aggressive und erbitterte Auseinandersetzungen darüber, welche Weltmacht den hegemonialen Anspruch erheben kann: Wie bisher die USA, oder Russland, oder China?

Dem ökonomisch und kapitalistisch dominierten „Immer mehr“ muss „sustainable development“, eine tragfähige, ökologische und nachhaltige Entwicklung  entgegengesetzt werden.. Es ist der vielbeschworene, empfohlene und geforderte Perspektivenwechsel, der als Wunsch und Hoffnung, als Vision und Utopie daherkommt. Wie aber kann dieses angestrebte Menschenwerk gelingen? Nicht, indem die Menschen die Gewohnheiten beibehalten, die ihnen Vor- und Nachteile bringen, sondern indem jeder Einzelne und im Kollektiv der menschlichen Gemeinschaft sich eingesteht, dass sich der Mensch als erdbezogenes, mundanes Lebewesen begreift (Wolfgang Welsch). Dazu braucht es Lebensmut, -kraft, -einsicht und Macht. Die „Megamaschine“, als Metapher und Analyse des Zustands der Welt Hier und Heute, lässt sich sowohl als Schreckgespenst und Chaos, aber auch als Chance begreifen. Scheidler fordert zum, „Ausstieg aus der Megamaschine“ mit einem 16-Punkte-Programm auf. in dem er die ökonomischen, ökologischen, anthropologischen, sozialen und gesellschaftspolitischen Bedingungen für ein humanes Leben aller Menschen auf der Erde aufzählt[21]

Produziert eine überforderte Gesellschaft den überforderten Menschen – oder umgekehrt?

Die Warnung, dass „die kannibalische Dynamik der Konsumgesellschaft“ zur Unmenschlichkeit und zu immer mehr Ungerechtigkeit in der Welt führt, ist nicht neu. Vor beinahe einem halben Jahrhundert prognostizierten Wissenschaftler, dass die Grenzen des ökonomischen Wachstums auf der Erde erreicht seien (1972), vor dreißig Jahren zeigte die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung mit dem Brundtland-Bericht an, dass dem „business as usual“ Einhalt geboten werden müsse und rief dazu auf, „sustainable development“, eine tragfähige Entwicklung, zu bewirken, und vor mehr als zwei Jahrzehnten appellierte die Weltkommission Kultur und Entwicklung: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Ist der anthrôpos, der mit Vernunft begabte Mensch ein Mängelwesen, der das Ziel, ein gutes Leben aller Menschen auf der Erde zu ermöglichen, nicht erreichen kann oder will?

Der Münchner Psychoanalytiker und Schriftsteller Wolfgang Schmidbauer, war einer der ersten, der Anfang der 1970er Jahre auf den Gegensatz von Homo sapiens und Homo consumens aufmerksam machte. Jetzt, in der immer deutlicher und existentieller sich darstellenden globalen „Gefährdung von Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit durch Depression und ihre Vorstufen, wie Burn-out, Mobbing und Stalking“, meldet er sich zu Wort mit dem „Psychogramm einer überforderten Gesellschaft“. Mit der Studie „Raubbau an der Seele“ zeigt er auf, dass „die Depression (..) dem Zusammenbruch von seelischen Strukturen (folgt), die sich als unerfüllbare Erwartungen oder als manische Abwehr beschreiben lassen“ und sich als Verleugnungsstrategien und Verwöhnungsbedürfnissen des Homo consumens zeigen. In der Erzählung über psychotherapeutische und -analytische Analysen und Behandlungsmethoden kommt immer wieder das Geheimnis zum Vorschein, dass eine medizinische Auseinandersetzung mit depressiven Zuständen nicht als Rezeptologie wirkt, sondern nur wirksam werden kann, wenn es gelingt, das Selbstbild und Selbstwertgefühl des Patienten zu aktivieren und zu stärken. Es sind insbesondere die ärztlichen Künste der Deutung und der Konfrontation: „Eine Therapie soll den Klienten helfen, ihre Kränkungsverarbeitung zu regenerieren, ihre Aktivität zu steigern, ihre verborgenen Ressourcen wiederzufinden“. Als ein Rat lässt sich formulieren: „Ich bin nicht untätig, weil ich depressiv bin, sondern ich bin depressiv, weil ich untätig bin“. Es sind die bekannten wie auch neuartigen, medialisierten, digitalisierten, virtuellen Kommunikationsformen und -störungen, die aus einer Handvoll von echten Freunden „1000 Freunde“ machen, und Unverbindlichkeiten, Unpersönlichkeiten und Abstraktionen schaffen. Es sind die allgegenwärtigen, scheinbar „allzeit-bereit“- liegenden und verfügbaren Konsumartikel und -gelegenheiten, die Unrast bewirken, Unzufriedenheit und Bodenlosigkeit erzeugen; aber auch die Widerständigkeiten, dass „wir ja auch nicht mehr auf die Bäume zurück wollen“. Der provozierende Buchtitel signalisiert keine Gebrauchsanweisung für ein besseres, erfülltes und erstrebenswertes Leben. Es ist ein Steinbruch mit vielen brauchbaren Elementen, die grabend, anstrengend und zielführend erschlossen werden können[22].

Der Andere, Fremde bin ich selbst!

„Rassismus gehört zu den folgenschwersten historischen Hypotheken, mit denen sich die Welt auch im 21. Jahrhundert auseinanderzusetzen hat.“ Diese Tatsache stellt eine Herausforderung dar, Begriffen und deren Umsetzung im individuellen alltäglichen, wie im gesellschaftlichen Umgang miteinander aufs Maul zu schauen[23].  Rassistische Begriffe und rassistisches Verhalten kommen als bewusste und ideologiebestimmte Denk- und Verhaltensweise zutage; sie zeigen sich aber auch als unbewusste, allzu oft als verharmlosend und ungewollt sich darstellende Einstellungen. Das Echo auf die jeweiligen rassistischen Aktivitäten kann zwar unterschiedlich ausfallen, doch sie verletzen in jedem Fall, weil immer damit Abwertungen, Diskriminierungen, Dominanzverhalten, Höherwertigkeitsvorstellungen und die Würde des (anderen) Menschen verletzende Aktivitäten verbunden sind. Es sind oft weite Wege, Einbahn- und Stoppstraßen, Zäune und Mauern, holperige Gassen, die im Eigenen das Bild des Anderen als das Böse und Fremde projiziert. Es sind selten Brücken, die hinführen zu der Erkenntnis: Der Andere bin ich selbst!

Deshalb gehört die Auseinandersetzung mit Xenophobie zu allen Zeiten, besonders aber in den gemachten, eingeredeten, produzierten und für eigene ideologische Zwecke und Macht benutzten Zeiten von Unsicherheiten und Veränderungsprozessen, zu den allgemeinbildenden Herausforderungen heute. Der Umgang mit Rassismen und Rassismuskritik heute bedarf vielfältiger Zugänge: Historische, psychologische, soziologische, gesellschaftspolitische, weltanschauliche und pädagogische. Den Anderen, Fremden als Dämon zu bezeichnen und das Bild des Bösen, Gefährlichen, Bedrohlichen und Abzuwehrenden für eigene und ideologisierte Zwecke zu benutzen, ist ein uraltes Mittel, das zu Übermacht, zu Krieg, Eroberungen, Unterdrückung und sogar zur Vernichtung von Individuen und Völkern führt. Die Frage, warum auch heute, wie zu allen Zeiten, rassistische, fremdenfeindliche und vorurteilsbehaftete Argumentationen benutzt werden – Leben wir doch (oder nicht?) in aufgeklärten, emanzipativen und demokratischen Zeiten! – wird ganz unterschiedlich beantwortet. Es geht nicht um die eher tumbe und eben bereits rassistische und faschistische Auffassung, der Mensch brauche den Feind, um eine eigene Identität entwickeln zu können; vielmehr wird in dem Sammelband „Die Dämonisierung der Anderen“ die aktuelle Entwicklung thematisiert, wie sie sich in der globalen Flüchtlingskrise darstellt und welche Wirkungen und Reaktionen sich dadurch sowohl für die betroffenen flüchtenden und migrierenden Individuen und Kollektive, als auch für die aufnehmenden Gesellschaften in den Zielflucht-Ländern ergeben. Dämonisierung in lokalen und globalen, gesellschaftlichen Veränderungsprozessen bewirken eine Distanzierung vom humanen, anthropologischen Bewusstsein, von der „globalen Ethik“ der Menschenwürde und Gleichheit und machen den anthrôpos zum Menschenfeind. Mit dem rassismuskritischen Blick auf migrationsgesellschaftliche Differenzverhältnisse werden historisch und gesellschaftlich entstandene und weiterhin wirkende Denk- und Verhaltensmuster erkennbar, die sich epistemisch, symbolisch, politisch und physisch als Macht- und Gewaltstrukturen zeigen und sich im Einwanderungs- und Migrationsdiskurs für die „Insassen“ als Bedrohung und Gefahr darstellen. Die „Praxis der Dämonisierung“ als individuelle und kollektive Aktion und Reaktion fällt nicht vom Himmel oder ist auf ehernen Tafeln geschrieben, sondern ist natio-ethno-kulturell imaginiert[24].

Selbst denken und nicht andere für sich denken lassen!

Das ist keine egozentrierte und selbstüberschätzende Forderung, sondern eine Aufforderung, sich denkend der Frage zu stellen: „Wer bin ich?“. Einbezogen in dieses Selbsterkunden ist das Bewusstsein, dass das Individuum nichts Vollständiges und Ganzes ist, wenn es im Ego-Tunnel lebt[25].Die bedeutsamste Leistung und gleichzeitig Herausforderung für den Menschen ist das Denken! Hinter dieser eher tautologischen Feststellung ist all das verborgen, was wir gemeinhin als das Geheimnis und Abenteuer des Lebens bezeichnen[26]. Es ist die intellektuelle und existentielle Herausforderung, wie sie sich im Kantischen sapere aude mit den Nachfragen - Was kann ich wissen? – Was soll ich tun? – Was darf ich hoffen? – ausdrückt und in der Heraklitschen Entdeckung panta rhei – alles fließt – deutlich wird.

Der Soziologe und Sozialpsychologe von der Hannöverschen Leibniz-Universität, Hans-Peter Waldhoff, greift mit seinem Nachdenken über das Denken in die Schatzkiste des menschlichen Denkens seit Menschen denken können. Er bezeichnet sein Essay als „Stimmkonzert über Leben, Tod und Denken“, also über das, was Mensch ist. Es ist das Wissen über sich selbst, und es sind die Bemühungen, mit der eigenen Identität und den intellektuellen Ansprüchen den Anderen zu verstehen und ihn in seinem Sosein zu akzeptieren; gleichzeitig aber auch sich bewusst zu sein, dass jeder Mensch, wenn er bei sich leben will, den Mitmenschen zum Leben braucht, ihn beeinflusst und sich vom Anderen beeinflussen zu lassen. In 24 Stationen formuliert er seinen Dialog mit sich und den historischen und aktuellen Denkhelfern und öffnet damit seine psychoanalytischen und erkenntnistheoretischen Perspektiven auch als Diskurs für das Hier und Heute. Es sind Zitate und Quellen, die sich als „denkende Lebensfreude“ darstellen; es ist die erstaunende und anklagende Nachschau darüber, wie das Nichtdenken in die Welt kommt; es ist der Hinweis darauf, dass der Mensch bei seinem Denken nicht nur die Dimensionen von Raum und Zeit zu bedenken hat, sondern, im Sinne von Norbert Elias, auch die von ihm selbst geschaffene Dimension des „symbolischen Universums“ einbeziehen muss. Er holt aus dem Erfahrungsschatz des menschlichen Denkens die real existierenden Wegstrecken, Einbahnstraßen und Sackgassen hervor, die sich als „abtötendes Denken“ im Alltäglichen, Individuellen, Gesellschaftlichen, Faktischen und Wissenschaftlichen darstellen. Es sind jedoch keine Kassandrarufe, sondern Fingerzeige über die Gefährdungen des individuellen und kollektiven Daseins. Daraus wird eine Handreichung zur Förderung des eigenen Denkprozesses. Der Autor entwickelt daraus eine „Genealogie des Denkens“ und stellt fest: „Die menschliche Denktätigkeit benötigt geschützte und freie äußere und innere, beziehungsweise gesellschaftliche und intrapsychische Denkräume“. Eros und Thanatos sind die beiden wesentlichen Gravitationskräfte des denkenden Menschenlebens. Sie lassen sich nur erkennen und als positive, „lebensrettende“ und -helfende Lebenskräfte einsetzen, wenn sich das Bewusstsein bildet, dass Bewusstes und Unbewusstes im menschlichen Leben mächtig wirkt, sowohl zum Wohl, als auch zum Schaden des individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Lebens der Menschen auf der Erde. So endet die philosophische, soziologische und psychologische Betrachtung des Denkens und Tuns der Menschen zwangsläufig mit der Hoffnung: „Vielleicht gelingt es uns, unsere Welt nicht vor der Zeit zu zerstören“[27].

Fazit

Die Umschau über die Notwendigkeit, Bedeutung und Wirkung der Tugend „Achtsamkeit“ im individuellen, lokalen und globalen Dasein der Menschen verweist auf vielfältige Zusammenhänge, Imponderabilien, Schluchten und Brücken. Es sollte deutlich geworden sein, dass für ein humanes, menschenwürdiges Dasein mehr gehört als ein Fingerzeig, oder eine verfasste Ordnung, nämlich ein Bewusstsein dafür, dass ein achtsames Leben zum Grundverständnis des Humanums gehört und von jedem Menschen lernend erworben werden muss! Vor einiger Zeit rauschte eine Nachricht durch die Medien, die ein Nachdenkerle und ein Weckruf sein könnte:  Der deutsche Astronaut Alexander Gerst, der in Kürze als Kommandant zur internationalen Raumstation ISS zurückkehren wird, habe Zweifel, ob Außerirdische das Leben auf der Erde als intelligent einstufen würden; sie betrachteten die Zustände, wie wir Menschen mit unserem Lebensraum umgehen, indem wir das Amazonasgebiet rodeten, uns bekriegten, die Meere überfischten und die Luft zum Atmen verpesteten, sicherlich als äußerst unintelligent! 

Kontakt

Dr. Jos Schnurer
Immelmannstr. 40
31137 Hildesheim 
Tel. 05121 59124
jos2@schnurer.de



[1]https://dfme-achtsamkeit.de

[2]Jan Sternberg: „Ist Achtsamkeit nur eine Masche, Jan Eßwein?“, Interview in: HAZ-Sonntag vom 3.3.2018, S. 3

[3]Dieter Frey, Hrsg., Psychologie der Werte. Von Aufmerksamkeit bis Zivilcourage. Basiswissen aus Psychologie und Philosophie, Heidelberg 2016, 325 S. 

[4]DER ALLTAG 77/78, Sittenlockerung, ELEFANTEN PRESS, Berlin, 272 S., 130 Abb.

[5]Richard Sennet, Respekt im Zeitalter der Ungleichheit, Berlin 2004, 344 S.

[6]ders., Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält, 2012, http://www.socialnet.de/rezensionen/14034.php

[7]Bernhard Rathmayr, Selbstzwang und Selbstverwirklichung. Bausteine zu einer historischen Anthropologie der abendländischen Menschen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11820.php

[8]Axel Becker, Die Toleranzfalle. Was grenzenlose Liberalität uns und unseren Kindern antut, 2016, http://www.socialnet.de/rezensionen/22992.php

[9]Axel Becker, Die Toleranzfalle. Was grenzenlose Liberalität uns und unseren Kindern antut, 2016, http://www.socialnet.de/rezensionen/21931.php

[10]Antonio Damasio, Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/23378.php 

[11]Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14393.php

[12]Egon Freitag, Lexikon der Kreativität. Grundlagen – Methoden – Begriffe, kl2018, http://www.socialnet.de/rezensionen/23875.php

[13]Jos Schnurer, Wer philosophiert – lebt!, 28. 1. 2014, http://www..socialnet.de/materialien/174.php

[14]Franz Peter Waiblinger, Hrsg., Lucius Annaeus Seneca, De brevitate vitae = Die Kürze des Lebens, 2009, http://www.socialnet.de/rezensionen/17725.php

[15Albert Kitzler, Leben lernen – ein Leben lang. Eine praktische Philosophie, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/23728.php

[16]Hans Lenk, Human-soziale Verantwortung. Zur Sozialphilosophie der Verantwortlichkeiten, http://www.socialnet.de/rezensionen/23473.php

[17]Franziska Dübgen / Stefan Skupien, Hrsg., Afrikanische politische Philosophie. Postkoloniale Positionen, 2015, http://www.socialnet.de/Rezensionen/20696-.php

[18]Joseph Achille Mbembe, Politik der Feindschaft, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/23618.php

[19]Joachim Radkau, Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/22444.php

[20]Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/23620.php

[21]Fabian Scheidler, Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/24035.php

[22]Wolfgang Schmidbauer, Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/23224.php

[23]Susan Arndt, Rassismus. Die 101 wichtigsten Fragen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14286.php

[24]María do Mar Castro Varela /Paul Mecheril, Hrsg., Die Dämonisierung der Anderen. Rassismuskritik der Gegenwart, 2016, http://www.socialnet.de/rezensionen/21724..php

[25]Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik, 2009, http://www.socialnet.de/rezensionen/9004.php

[26]Hans-Peter Waldhoff /Christine Morgenroth /Angela Moré /Michael Kopel, Hrsg., Wo denken wir hin? Lebensthemen, Zivilisationsprozesse, demokratische Verantwortung, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19997.php

[27]Hans-Peter Waldhoff, Im Spannungsfeld von Eros und Thanatos. Eine psychoanalytische und erkenntniskritische Untersuchung, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/23350.php   

Aktuelle Rezension

Buchcover

Stephan Straßmaier, Hans Werbik: Aggression und Gewalt. De Gruyter Oldenburg (Berlin) 2018. 457 Seiten. ISBN 978-3-11-051930-3.
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