Pflegewirtschaft 2011: Neue Fakten zu Beschäftigung, Steuern und Sozialabgaben

02.08.2011 | Altenhilfe | Nachrichten

In seiner am 02.08.2011 gemeinsam mit dem Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) vorgestellten Studie „Pflegewirtschaft 2011: Wertschöpfung, Beschäftigung und deren Auswirkung auf Steuern und Sozialabgaben“ beleuchtet Dr. Dominik H. Enste, Leiter des Kompetenzfelds Institutionenökonomik im Institut der deutschen Wirtschaft Köln und Vertretungsprofessor für International Business an der Fachhochschule Köln, die Pflegewirtschaft im Jahr 2011. Anhand aktueller Daten und Hochrechnungen zu den Beschäftigungszahlen verdeutlicht er den Professionalisierungstrend, aber auch Kosten und Wertschöpfung. Dr. Dominik H. Enste kommt dabei zu folgenden Ergebnissen:
  • Das Umsatzvolumen für Pflegeleistungen beläuft sich im Jahr 2011 voraussichtlich auf rund 33 Milliarden Euro und hat sich in den letzten 15 Jahren fast verdoppelt.
  • Der Beitrag der privaten Anbieter zu diesem Umsatzvolumen beträgt fast 13 Milliarden Euro. Davon entfallen 5,2 Milliarden Euro auf die privaten ambulanten Pflegedienste und 7,5 Milliarden Euro auf die privaten stationären Einrichtungen.
  • Die volkswirtschaftliche Wertschöpfung der Pflege im Jahr 2011 liegt bei über 27 Milliarden Euro. Dies entspricht etwa einem Anteil von 1,1 % am Bruttoinlandsprodukt. Dieser Anteil gibt die Wertschöpfung durch pflegerische Leistungen im Verhältnis zur Wertschöpfung der gesamten Volkswirtschaft an.
  • Diese Leistungen erbringen nach Hochrechnungen 970.000 Beschäftigte (= 680.000 Vollzeitäquivalente) und versorgen damit weit mehr als die Hälfte der rund 2,5 Millionen Pflegebedürftigen.
  • Die Pflegewirtschaft schafft Arbeitsplätze vor Ort in Deutschland. 80.000 neue Stellen in der Pflege entsprechen einem Plus von je 10 % in den Jahren 2008 und 2009. Und ein Ende des Beschäftigungsaufbaus ist nicht in Sicht.
  • Aufgrund der demographischen Entwicklung wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2050 auf rund 4 Millionen erhöhen. Dadurch steigt der Bedarf an Voll- und Teilzeitbeschäftigten voraussichtlich auf bis zu 2,1 Millionen. Dabei gibt es bereits heute einen großen Fachkräftemangel in der Pflege.
  • Bereits heute kommt auf drei unbesetzte Stellen in der Altenpflege nur eine arbeitsuchende Altenpflegefachkraft.
  • Die Professionalisierung der Pflege schafft gleichzeitig Spielräume für mehr Beschäftigung in anderen Branchen, wo der Fachkräftemangel – wie im MINT-Bereich – große Probleme bereitet. Ein gut ausgebildeter Ingenieur entwickelt besser innovative Produkte, als sich als Laie um die Pflege der Angehörigen zu kümmern. Wer die pflegebedürftigen Angehörigen in guten und professionellen Händen weiß, arbeitet gern in seinem Beruf weiter, statt zu pflegen und dies mit positiven Folgen für Staat und Gesellschaft.
  • Diese Spezialisierung und Professionalisierung haben positive Effekte für den Staat. Die professionelle Pflege sorgt direkt und indirekt schätzungsweise für zusätzliche Staatseinnahmen in Höhe von bis zu 22,68 Mrd. Euro pro Jahr. Davon entfallen bis zu 8,7 Mrd. Euro auf die privaten Anbieter.
  • Die Pflege wird dabei in Deutschland – trotz Pflegeversicherung – schon heute zu fast 30 Prozent aus privaten Einkünften oder Ersparnissen finanziert.
Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), leitet aus der aktuellen Studie wichtige Konsequenzen und Weichenstellungen ab. „Die Studie verdeutlicht die hohe Wirtschaftskraft einer zukunftsfähigen Branche, aber auch die übergroßen Herausforderungen einer immer älter werdenden Gesellschaft. Wenn wir heute nicht handeln, wo uns derzeit schon zehntausende Fachkräfte fehlen, programmieren wir den Pflegenotstand von morgen. Bereits heute kommt auf drei unbesetzte Stellen in der Altenpflege nur eine arbeitsuchende Altenpflegefachkraft. In den kommenden neun Jahren werden wir noch mindestens 220.000 zusätzliche Pflegekräfte allein in der Altenpflege benötigen. Wir brauchen Ausbildung, Weiterbildung und die Wiederaufnahme der Finanzierung des dritten Umschulungsjahres sowie eine qualifizierte Zuwanderung verbunden mit einer unbürokratischen Anerkennung der entsprechenden Berufsabschlüsse“, so Meurer. Die Verabschiedung eines Ausbildungsstärkungsgesetzes wäre nach Ansicht des bpa zudem ein wichtiger Schritt für eine gesicherte pflegerische Versorgung. Ein solches Gesetz soll verlässliche Rahmen- und ausdrücklich auch Finanzierungsbedingungen für die Ausbildungsstellen und damit eine sichere Perspektive für ausbildungswillige junge Menschen schaffen. „Ohne gesteuerte qualifizierte Zuwanderung werden wir jedoch nicht auskommen. Als  Pflegewirtschaft fordern wir daher von der Politik, unverzüglich gesicherte Rahmenbedingungen für die Zuwanderung von Fachkräften aus Nicht-EU-Staaten zu schaffen“, so der bpa-Präsident. „Der demographische Wandel stellt uns in den kommenden Jahren vor immense Herausforderungen. Aus diesem Grund ist die Vorrangprüfung abzuschaffen und das zeitaufwendige und bürokratische Anerkennungsverfahren ausländischer Berufsabschlüsse  schleunigst zu ändern. Würden jetzt auch noch über 90 % der heutigen Auszubildenden mit Real- oder Hauptschulabschluss zukünftig abgewiesen, sind die Pflegebedürftigen von morgen sich selbst überlassen“, ist sich Meurer sicher. „Die EU-Regelungswut würde die Pflege in ein Fiasko stürzen.“ Die Europäische Kommission, so informiert der bpa, arbeitet derzeit intensiv an der Neuauflage der europäischen Berufsanerkennungsrichtlinie 2005/36/EG, die auch die Zugangsvoraussetzungen für den Kranken- und Altenpflegeberuf umfasst und mit der eine folgenschwere Änderung droht: Gefordert wird eine Heraufsetzung der Zugangsvoraussetzungen für die Kranken- und Altenpflegeausbildung von 10 auf 12 Schuljahre.

Quelle: Pressemitteilung des bpa – Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste e.V. vom 02.08.2011
www.bpa.de