Krebs bei Kindern: Weniger ist manchmal mehr

23.09.2008 | Soziale Arbeit

Risikoangepasste Behandlung verringert Langzeitschäden

Jedes Jahr erkranken in Deutschland 1.800 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren neu an Krebs. Am häufigsten tritt eine spezielle Blutkrebsart auf: die akute lymphoblastische Leukämie (ALL). In den letzten 30 Jahren sind die Heilungschancen bei dieser Krebsart kontinuierlich gestiegen: Heute können etwa 80 Prozent der Kinder geheilt werden. Der Preis für das Überleben ist jedoch oft hoch. Die kleinen Patienten müssen meist eine sehr aggressive Therapie über sich ergehen lassen und mit Spätschäden auch noch Jahre nach der Behandlung rechnen. Die so genannte ALL-BFM 95-Therapiestudie hat jetzt gezeigt, dass die Intensität der Therapie in vielen Fällen reduziert werden kann, ohne die Überlebenschancen der Patienten zu verringern. Die Deutsche Krebshilfe hat diese Studie mit über 1,1 Millionen Euro gefördert.

Die akute lymphoblastische Leukämie ist eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems. Sie entsteht am Ursprung der Blutbildung, im Knochenmark. Weiße Blutkörperchen reifen dabei nicht mehr zu funktionstüchtigen Zellen heran, sondern vermehren sich rasch und unkontrolliert. Dadurch werden die Zellen der normalen Blutbildung verdrängt. Kinder mit einer ALL werden in Deutschland nach einheitlichen Therapiekonzepten auf höchstem wissenschaftlichem Standard in so genannten Therapieoptimierungsstudien behandelt. Diesen Studien ist es zu verdanken, dass heute etwa 80 Prozent der kleinen Patienten wieder gesund werden. Die Deutsche Krebshilfe fördert fast alle dieser derzeit laufenden Studien bei krebskranken Kindern in Deutschland.

„Seit die Heilung der ALL quasi zur Regel geworden ist, sind akute Risiken sowie potentielle Langzeitschäden durch die Therapie mehr und mehr in den Fokus gerückt“, erklärt Professor Dr. Martin Schrappe. Er ist Leiter der Klinik für Allgemeine Pädiatrie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel und koordiniert die Therapiestudie. Zu den Spätschäden zählen hormonelle Störungen, Herzschäden und sogar Hirntumoren. Letztere können als Folge der Schädelbestrahlung auftreten. „Um die Patienten zwar ausreichend intensiv zu behandeln, sie aber keinen unnötigen Risiken und Nebenwirkungen auszusetzen, soll die Therapie-Intensität an das individuelle Rückfallrisiko angepasst werden – nach dem Motto ’so viel wie nötig, so wenig wie möglich’“, erläutert der Studienleiter.

Dazu wurden die Patienten im Rahmen der ALL-BFM-95-Studie in drei Gruppen mit unterschiedlich hohem Risiko eingeteilt: niedriges, mittleres und hohes Rückfallrisiko. Die Einteilung erfolgte auf der Basis von klinischen und biologischen Faktoren. Ein wichtiges Ziel der Studie war, die Behandlung in den Gruppen mit niedrigem Rückfallrisiko zu reduzieren, sie jedoch bei Patienten mit hohem Rückfallrisiko zu intensivieren.

„Bei der Patientengruppe mit einer Überlebenswahrscheinlichkeit von 90 Prozent – also niedrigem Rückfallrisiko – konnten wir die Chemotherapie in der Anfangsphase der Behandlung deutlich reduzieren“, sagt Schrappe. „Sie birgt die größte Gefahr schwerer Komplikationen.“ Auch in der Gruppe mit mittlerem Risiko, der die meisten Patienten angehören, konnte die Therapie-Intensität verringert werden, ohne die Heilungschancen von 80 Prozent zu verschlechtern. Dabei wurde bei dem größten Teil der Kinder auf die Bestrahlung des Schädels verzichtet. So wird das Risiko von Hirntumoren vermieden. In der kleinen Gruppe, in der bisher nur ein Drittel der Patienten überlebten, ging es vorrangig um die Verbesserung der Heilungschancen. „Dies ist uns durch die gezielte Intensivierung der Therapie gelungen. Fast jeder zweite Patient aus dieser Gruppe überlebt heute seine Erkrankung“, erklärt Schrappe. „Für diese schwierige Risikogruppe ist dies das bisher beste publizierte Ergebnis der ALL-BFM-Studien“.

Die Therapiestudie ALL-BFM 95 der BFM-Studiengruppe lief von 1995 bis 2000. Sie schloss 2.169 Patienten mit ALL im Alter von unter 18 Jahren ein. An der Studie, in die auch Ergebnisse der Vorgängerstudie einmündeten, nahmen 82 Kliniken aus Deutschland, Österreich und der Schweiz teil. Die Ergebnisse wurden in diesem Jahr publiziert (Möricke et al., Blood 2008; 111:4477-89).


Quelle: Deutsche Krebshilfe, Pressemitteilung