Wohnungsnot im Alter steigt und verfestigt sich

Berlin, 26. August 2026. Die aktuelle Statistik der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) zeigt, dass ältere Menschen zunehmend auf Hilfen in Wohnungsnotfällen angewiesen sind. Gleichzeitig bleiben sie häufiger über lange Zeit wohnungslos. Zudem sind sie stärker von gesundheitlichen Belastungen sowie sozialer Isolation betroffen. Die BAG W fordert deshalb den Ausbau präventiver Hilfen sowie mehr bezahlbaren und altersgerechten Wohnraum.

Wohnungslose Menschen altern früher

Erstmals liegt der Schwerpunkt auf der Lebenslage älterer Menschen in Wohnungsnot. Der auffälligste Befund: Der Anteil der über 50-Jährigen ist in den letzten 20 Jahren kontinuierlich gestiegen (von 21 Prozent im Jahr 2004 auf nun 27 Prozent). In der Wohnungsnotfallhilfe gelten Menschen bereits ab 50 Jahren als ältere Klient*innen. Hintergrund ist die sogenannte Voralterung. Belastende Lebens- und Wohnverhältnisse sowie gesundheitliche Problemlagen führen dazu, dass wohnungslose Menschen früher altern als die Gesamtbevölkerung. Drei Merkmale prägen dabei die Lebenslage älterer Menschen in Wohnungsnot besonders: ihre vermutliche Unterrepräsentation in den Daten, die Verfestigung der Wohnungsnot und soziale Isolation.

Vermutlich wird das tatsächliche Ausmaß von Wohnungsnot im Alter sogar unterschätzt. Ein wesentlicher Grund: Ein Teil der älteren betroffenen Menschen wird vom System der Altenhilfe aufgefangen und taucht dadurch gar nicht erst im Dokumentationssystem zur Wohnungslosigkeit (DzW) auf. Andere nehmen bestehende Hilfeangebote aus Unwissenheit oder aus Scham erst gar nicht in Anspruch.

Wohnungsnot im Alter verfestigt sich

Besonders auffällig ist, dass ältere Menschen, die bereits wohnungslos sind, deutlich seltener aus der Wohnungslosigkeit herausfinden: 38 Prozent der über 50-jährigen Klient:innen sind bereits seit mehr als einem Jahr wohnungslos, bei den 25- bis 49-Jährigen liegt dieser Anteil bei 27 Prozent.

„Wohnungslose ältere Menschen stehen vor systematischen Hürden auf dem Weg zurück in die eigene Wohnung“, erklärt Sarah Lotties, verantwortliche Fachreferentin der
BAG W für den Statistikbericht. „Arbeitslosigkeit oder eine kleine Rente, gesundheitliche Einschränkungen, Schulden, aber auch fehlende digitale Teilhabe sind einige Beispiele. Wer im Alter die Wohnung verliert, hat so schlechtere Chancen, wieder dauerhaft Wohnraum zu finden – erst recht auf analogem Weg.“

Einsamkeit, Armut und Erkrankungen erhöhen das Risiko 

Bei älteren Klient:innen zählen Miet- und Energieschulden zu den häufigsten Auslösern eines Wohnungsverlustes. Viele von ihnen leben von kleinen Renten oder Sozialleistungen, die mit den steigenden Wohnkosten kaum noch Schritt halten. Rund jede*r zweite über 50-Jährige im Hilfesystem gilt als überschuldet. Hinzu kommen gesundheitliche Belastungen: Ältere Klient*innen leiden deutlich häufiger unter chronischen Erkrankungen und eingeschränkter Mobilität. Krankheit wird bei ihnen häufiger als unmittelbarer Auslöser eines Wohnungsverlustes genannt. 16 Prozent der über 50-jährigen Klient*innen besitzen einen Schwerbehindertenausweis, mehr als doppelt so viele wie in der Gruppe der 25- bis 49-Jährigen. Gleichzeitig brechen im Alter häufiger soziale Netzwerke weg, sodass betroffene Menschen zusätzlich von Isolation betroffen sind.

Mehr Prävention, mehr altersgerechten Wohnraum 

Wer bereits die Wohnung verloren hat, braucht schnellen Zugang zu bezahlbarem, altersgerechtem und barrierefreiem Wohnraum. Gleichzeitig zeigen die Daten auch, dass sich ältere Menschen, denen der Wohnungsverlust erst droht, frühzeitiger an die Wohnungsnotfallhilfen wenden. Wohnungsverluste zu verhindern, muss deshalb höchste Priorität haben. Denn jeder verhinderte Wohnungsverlust erspart betroffenen Menschen enormes Leid und ist zugleich deutlich wirksamer und kostengünstiger, als Wohnungslosigkeit später zu bewältigen.

Wohngeldreform trifft ältere Menschen hart

Es wird deutlich, dass sich Altersarmut, steigende Wohnkosten und der demografische Wandel in der Wohnungsnotfallhilfe widerspiegeln. Aktuelle Entwicklungen lassen erwarten, dass sich diese Problemlagen in den kommenden Jahren eher noch verschärfen: „Die geplante Wohngeldreform wird ältere Menschen besonders hart treffen. Bereits heute ist jede zweite wohngeldbeziehende Person Renterner*in. Die Kürzungen werden dazu führen, dass ein Drittel aller Wohngeld-Empfänger*innen die Leistungen komplett verlieren“, erklärt Sabine Bösing, Geschäftsführerin der BAG W. „Solche Entscheidungen verschärfen die Wohnungsnot im Alter, statt ihr vorzubeugen. Deshalb müssen politische Entscheidungen, etwa beim Wohngeld oder anderen Unterstützungsleistungen, immer auch daraufhin geprüft werden, ob sie das Risiko von Wohnungsnot erhöhen.“

Bessere Verzahnung, niedrigschwellige Angebote

Neben mehr bezahlbarem und barrierefreiem Wohnraum braucht es eine bessere Verzahnung von Wohnungslosenhilfe, Pflege und Gesundheitsversorgung. Ambulante Pflegedienste und Pflegeheime müssen stärker auf die Lebenslage wohnungsloser Menschen eingestellt werden, damit notwendige Unterstützungsleistungen nicht ausbleiben und betroffene Menschen nicht zwischen den verschiedenen Hilfesystemen verloren gehen. Gerade für Menschen, die bereits lange ohne Unterkunft leben, braucht es zudem niedrigschwellige Angebote sowie eine palliative und hospizliche Versorgung, die auf ihre Lebensrealität zugeschnitten ist.

Ein Wort zur BAG W: Unter dem Dach der BAG Wohnungslosenhilfe e. V. sind bundesweit Einrichtungen und soziale Dienste der Wohnungslosenhilfe sowie der verantwortlichen und zuständigen Sozialorganisationen im privaten und öffentlichen Bereich versammelt. Die BAG W vertritt insgesamt ca. 1.300 Einrichtungen und Dienste, dazu gehören Fachstellen zur Verhinderung von Wohnungsverlusten, ambulante Fachberatungsstellen, Angebote des Betreuten Wohnens, stationäre Einrichtungen, Projekte für junge Erwachsene, spezifische Angebote für wohnungslose Frauen, medizinische Hilfen für Wohnungslose, Betriebe und Projekte zur beruflichen und beschäftigungsbezogenen Qualifizierung und Integration. Seit 1990 werden jährlich Daten von Klient:innen aus den freiverbandlichen Diensten und Einrichtungen der Hilfen in Wohnungsnotfällen im BAG W-eigenen Dokumentationssystem zur Wohnungslosigkeit (DzW) analysiert.

 


Quelle: Eine Pressemeldung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) vom 26. August 2026.