Porträtfoto Philister Awuor Owino
Philister Awuor Owino (Foto: Leuphana/Dr. Marietta Hülsmann)

Potenzial für die Soziale Arbeit: Wie internationale Fachkräfte erfolgreich zur staatlichen Anerkennung gelangen

Der Fachkräftemangel in der Sozialen Arbeit ist eine der drängendsten Herausforderungen für soziale Träger, Kommunen und Einrichtungen. Überall fehlen qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – in der Kinder- und Jugendhilfe, im Allgemeinen Sozialen Dienst, in der Behindertenhilfe oder in der Migrationsberatung. Gleichzeitig leben in Deutschland viele zugewanderte Menschen mit im Ausland erworbenen Hochschulabschlüssen in Sozialpädagogik oder Sozialer Arbeit, deren Abschlüsse jedoch oft nicht ohne Weiteres staatlich anerkannt werden. Das vom DAAD geförderte Projekt "Integration Soziale Arbeit" (InteSA) der Leuphana Professional School schließt diese Lücke: Es begleitet internationale Fachkräfte individuell und kostenlos auf dem Weg zur staatlichen Anerkennung und bietet sozialen Einrichtungen eine verlässliche Option zur nachhaltigen Fachkräftesicherung.

Ausgangslage: Hohe Bedarfe im Sozialwesen treffen auf ungenutzte Potenziale

Die Realität in vielen sozialen Einrichtungen ist von Personalengpässen geprägt. Offene Stellen bleiben oft über Monate hinweg unbesetzt, Arbeitsbelastungen für bestehende Teams steigen und Leistungsangebote müssen mitunter eingeschränkt werden. Umso widersprüchlicher wirkt vor diesem Hintergrund eine andere Realität: Viele Menschen, die nach Deutschland einwandern oder geflüchtet sind, bringen akademische Abschlüsse in der Sozialen Arbeit oder verwandten Disziplinen mit.

Auf dem Weg in die reglementierte Berufsausübung stehen sie jedoch vor komplexen Hürden. Die staatliche Anerkennung als Sozialarbeiter:in oder Sozialpädagog:in setzt in Deutschland spezifische Kenntnisse des deutschen Sozial-, Verwaltungs- und Kinder- und Jugendhilferechts sowie vertiefte Einblicke in das hiesige System der Sozialen Arbeit voraus. Fehlen einzelne Leistungsnachweise oder Sprachqualifikationen, verharren gut ausgebildete Kräfte oft in unterqualifizierten Beschäftigungsverhältnissen.

Hier setzt das Projekt InteSA der Leuphana Professional School an. Ziel ist es, internationale Fachkräfte durch ein passgenaues, berufsbegleitendes Qualifizierungsprogramm auf ihrem Weg zur vollen staatlichen Anerkennung zu unterstützen – und soziale Träger bei der Erschließung neuer Personalressourcen zu begleiten.

Praxiseinblicke: Wege in das deutsche Sozialwesen

Wie der Transfer von internationalen Vorerfahrungen in die deutsche Praxis gelingen kann, zeigen die Wege von Absolvierenden des Programms.

"Ich möchte eine Brücke sein": Das Beispiel Philister Awuor Owino

Philister Awuor Owino erwarb ihren Bachelorabschluss in Sozialer Arbeit in Nairobi (Kenia). Schon während des Studiums sammelte sie praktische Erfahrungen in der Entwicklungsarbeit, in Krankenhäusern und Kinderheimen. Nach ihrer Ankunft in Deutschland absolvierte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Eine Kollegin ermutigte sie, ihren erlernten Beruf auch in Deutschland weiterzuverfolgen.

Über das InteSA-Programm der Leuphana fand die 26-Jährige den strukturierten Einstieg. "InteSA ist für mich ein Türöffner. Ich kann in meinem Beruf arbeiten und lerne gleichzeitig alles, was ich über das deutsche Sozial- und Rechtssystem wissen muss", schildert Owino.

Sie hat ihr Anerkennungsjahr bei der Ausbildung und Arbeit plus GmbH im Bereich der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen (BvB) absolviert und arbeitet dort mittlerweile als feste Fachkraft.Sie begleitet Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 25 Jahren auf dem Weg in den Beruf, führt Erstgespräche und unterstützt bei Anträgen. Ihre internationale Perspektive bringt sie dabei gewinnbringend ein: "Ich möchte eine Brücke sein", beschreibt sie ihre Motivation.

Quereinstieg und Systemwechsel: Die Erfahrungen von Maja Diviki und Oksana Patsamai

Auch die Geschichten von Maja Diviki und Oksana Patsamai verdeutlichen, wie heterogen die Biografien zugewanderter Fachkräfte sind – und wie maßgeschneiderte Nachqualifizierungen wirken.

Maja Diviki studierte Soziale Arbeit in Bosnien. Nach ihrer Ankunft in Deutschland arbeitete sie zunächst in fachfremden Bereichen und später in der Nachmittagsbetreuung einer Grundschule. Über die Agentur für Arbeit wurde sie auf InteSA aufmerksam. Nach dem erfolgreichen Abschluss der universitären Qualifizierungsbausteine trat sie ihr Anerkennungsjahr beim Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) der Stadt Lüneburg an. "InteSA ist für mich ein Glücksfall. Ich kann in meinem Beruf arbeiten und in Deutschland etwas Sinnvolles beitragen", bilanziert Diviki.

Oksana Patsamai floh 2022 aus der Ukraine. Als ausgebildete Sozialpädagogin und dreifache Mutter nahm sie rasch eine Tätigkeit als pädagogische Mitarbeiterin auf und suchte gezielt nach einer Möglichkeit, ihren Abschluss anerkennen zu lassen. Im Rahmen von InteSA konnten wesentliche Studienleistungen aus der Ukraine angerechnet werden. Parallel dazu ergänzte sie fehlende fachliche und rechtliche Inhalte. Sie absolviert ihr Anerkennungsjahr in der Tagesgruppe einer Förderschule. „Ich liebe diese Arbeit und bin dankbar: für die gute Betreuung an der Leuphana Professional School und die Möglichkeit, mich weiterzubilden. Mir ist es wichtig, in Deutschland mit anzupacken“, sagt Patsamai.

Bausteine des Programms InteSA: Ein Überblick

Das Programm InteSA ist als flexibles, berufsbegleitendes Format konzipiert, um eine parallele Erwerbstätigkeit oder Familienarbeit zu ermöglichen. Es wird wissenschaftlich und pädagogisch durch das International Center sowie das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik der Leuphana Universität Lüneburg begleitet und gliedert sich in vier zentrale Bausteine:

  1. Individuelle Profiling- & Anerkennungsberatung: Vor Beginn werden die vorliegenden Qualifikationen und ausländischen Zeugnisse geprüft. Sie ermitteln, welche spezifischen Studienbausteine oder Nachweise für die staatliche Anerkennung im jeweiligen Bundesland fehlen, und begleiten die Teilnehmenden durch das formale Anerkennungsverfahren.
  2. Fachspezifische Sprachförderung: Neben allgemeinen Deutschkenntnissen (Zielniveau B2/C1) vermitteln zielgerichtete Online-Angebote die im Berufsalltag erforderliche Fach- und Behördensprache
  3. Fach- & Rechtsqualifizierung In Präsenzseminaren am Campus der Leuphana erwerben die Teilnehmenden fundiertes Wissen in den zentralen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit:
    1. Sozialrecht: Vertiefung in SGB II, SGB VIII, SGB IX und SGB XII.
    2. Verwaltung & Recht: Strukturen des deutschen Sozialstaates, Akteure und behördliche Zuständigkeiten.
    3. Berufsbild & Arbeitsfelder: Spezifische Methoden und Ethik der Sozialen Arbeit in Deutschland.
  4. Praxisphase & Netzwerke: Während des finalen Anerkennungsjahres bzw. Praktikums unterstützt das Programm bei der Vermittlung, begleitet den Praxistransfer eng und fördert den aktiven Austausch mit Praxispartnern und Einrichtungsleitungen.

Förderung und Rahmenbedingungen: Langfristige Perspektive bis 2028

Ein entscheidender Aspekt für Teilnehmende wie auch für kooperierende Träger ist die finanzielle und organisatorische Verlässlichkeit des Programms. Das Projekt InteSA wird im Rahmen der Förderlinie "Profi Plus" vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Die Projektlaufzeit erstreckt sich über fünf Jahre von April 2024 bis Ende 2028.

  • Kostenfreiheit: Die Teilnahme an den Beratungs- und Weiterbildungsangeboten ist für die Fachkräfte komplett kostenfrei (für das abschließende Anerkennungsjahr fällt lediglich eine Verwaltungsgebühr von 300 Euro an).
  • Verlässlicher Zeitplan:
    • Durchgang 2027: Bewerbungen und Beratungsgespräche für den Start im Jahr 2027 sind ab sofort möglich. Die fachspezifischen Kurse und Vorbereitungsmodule starten im Frühsommer 2027.
    • Vorausschau auf 2028: Aufgrund der Gesamtlaufzeit bis Ende 2028 ist gesichert, dass auch für das Jahr 2028 ein weiterer Durchgang angeboten wird. Soziale Träger können das Programm somit fest in ihre mittelfristige Personal- und Nachwuchsplanung einbinden.

Mehrwert für soziale Träger und Beratungsstellen

Für soziale Organisationen, Wohlfahrtsverbände und kommunale Stellen bietet InteSA zwei wesentliche Anknüpfungspunkte:

  1. Gewinnung von Fachkräften für das Anerkennungsjahr: Einrichtungen, die Stellen für das Anerkennungsjahr oder Praktikumsplätze anbieten, erhalten Zugang zu motivierten Personen, die bereits über ein abgeschlossenes Studium und wertvolle Lebenserfahrung verfügen.
  2. Empfehlungsinstanz für Klientel und Mitarbeitende: Beratungsstellen, Migrationsdienste und Personalabteilungen begegnen regelmäßig zugewanderten Personen mit sozialwissenschaftlichen oder pädagogischen Abschlüssen. Die Weiterempfehlung an das InteSA-Team ermöglicht diesen Menschen eine qualifikationsadäquate Perspektive.

Projektkoordinator Sami Qaiser fasst den Anspruch zusammen: "Wir können mit dem Programm sowohl Fachkräftelücken auf dem Arbeitsmarkt verkleinern als auch den Menschen helfen, in Deutschland gemäß ihren Qualifikationen Beschäftigung zu finden. Damit unterstützen wir die Menschen, das Berufsfeld und die Region nachhaltig."

Kontakt und Informationen zum Programm:

Soziale Träger, Beratungsstellen und Interessierte können sich für weitere Informationen, Kooperationsanfragen oder zur Weitervermittlung von Potenzialträgern direkt an das Projektteam der Leuphana Professional School wenden: