Ein Anfang im Jahr 2026 – Über eine Auftaktveranstaltung zur Pluralität in der Schule
Am 26.01.26 fand der Auftakt zur NDR-Dialogreihe „Hamburger Vielfalt“ statt. Gemeinsam mit dem Verein „Netzwerk muslimischer Akademiker e.V.” organisierte der NDR Hamburg diesen Gesprächsabend. Der im NDR-Studio ausgerichtete Paneltalk zum Thema „Pluralität in der Schule“ stand bereits in seiner äußeren Rahmung unter dem Zeichen sichtbarer Vielfalt.
Moderator Yared Dibaba eröffnete die Veranstaltung mit dem Hinweis, Podium und Plenum seien so divers besetzt gewesen wie noch nie zuvor im NDR. Diese Hervorhebung ließ den Eindruck entstehen, die Veranstaltung selbst markiere bereits einen historischen Moment – weniger durch inhaltliche Zuspitzung als durch ihre Zusammensetzung.
Sofie Donges, Landesfunkhausdirektorin des NDR Hamburg, eröffnete die Diskussion mit einer gesellschaftlichen Einordnung. Nach mehreren Jahren Erfahrung in Schweden nehme sie in Deutschland einen veränderten Ton wahr: Man komme weniger zusammen, habe das Zuhören verloren, Verständigung gelinge kaum noch. Vielfalt werde in Hamburg sehr unterschiedlich erlebt – entweder gar nicht oder sehr intensiv, abhängig vom Wohnort. Damit benannte sie indirekt das Thema räumlicher Segregation, das den schulischen Kontext wesentlich prägt.
Inhaltlich formulierte Bildungssenatorin Frau Bekeris einen zentralen Leitsatz des Abends: Schule sei kein wertneutraler Ort und längst mehr als ein Lernort – sie sei ein Lebensort. Schule stehe für Demokratie, Vielfalt und Toleranz und müsse diese Werte aktiv vertreten. Als Beispiel nannte sie das Hamburger Konzept “Religionsunterricht für Alle”.
Zwischen normativem Anspruch und konkreter Umsetzung wurde jedoch eine deutliche Leerstelle sichtbar. Besonders in der Elternarbeit wurde dies deutlich: Die Elternkammer räumte ein, dass die organisierte Elternschaft selbst kaum divers sei. Zwar bestehe der Wunsch nach größerer Teilhabe; konkrete Strategien seien jedoch bislang nicht entwickelt. Einzelne praxisnahe Ansätze – etwa niedrigschwellige Ansprache, vereinfachte Sprache, Zugang und Erreichbarkeit durch Schulleitung oder digitale Formate – wurden von einer engagierten Schulleitung einer Brennpunktschule als Lösungsansätze benannt.
Auch die Rolle der Lehrkräfte wurde als zunehmend komplex beschrieben. Es wurde betont, dass viele junge Menschen ihre stärksten Rassismuserfahrungen in der Schule machen. Im Verlauf des Panels wurde zudem deutlich, wie hoch der sozialarbeiterische Bedarf an Schulen inzwischen ist. Vielfalt wird nicht primär unterrichtet, sondern gelebt – insbesondere durch Austauschgelegenheiten und bewusst geschaffene Gesprächssituationen, die die Schülerinnen und Schüler dringend benötigen. Genau diese Formen des Lernens können Lehrkräfte jedoch nur begrenzt leisten. Straffe Curricula lassen dafür kaum Zeit. Hinzu kommt, dass Diversitätskompetenz nicht systematisch vorhanden ist. Sie wird bislang nur vereinzelt von einzelnen Lehrkräften eingebracht, häufig aufgrund eigener Einwanderungsgeschichte und/oder einem persönlichen Engagement. Dabei handelt es sich bei den Meisten um eine Mischung aus erlernter professioneller Kompetenz und persönlicher Empathie – ein Umstand, der strukturelle Defizite nicht ersetzen kann. Forderungen nach verbindlicher Diversitätskompetenz im Lehramtsstudium wurden genannt, ohne jedoch klare Umsetzungswege oder Zuständigkeiten zu benennen.
Ein besonders kritischer Moment des Abends entstand, als die Lehrerin aus dem Panel darauf hinwies, dass Vielfalt nicht nur an Schulen eingefordert werden dürfe, sondern auch auf Leitungs- und Entscheidungsebene sichtbar sein müsse. Gerade dort sei die personelle Diversität bislang gering. Dieser Punkt wurde aus dem Publikum erneut aufgegriffen und explizit auf die Führungsebene der Behörde bezogen. Die Reaktion der Bildungssenatorin fiel auffällig defensiv aus: nach kurzem Innehalten verwies sie darauf, stolz auf eine Staatsrätin mit griechischen Wurzeln zu sein. Frau Bekeris verstand die Kritik aus dem Publikum und kritisierte die Kritik. Nachdem der Moderator den Hinweis relativierte, deutete Frau Bekeris den Einwand als bloßen Vorschlag um. Diese Sequenz offenbart ein zentrales Problem: Ein sichtbarer und bekannter Zustand ist die mangelnde bzw. nicht vorhandene Diversität auf behördlicher Führungsebene. Dies wurde nicht als berechtigte Kritik anerkannt, sondern implizit abgewehrt. Gerade angesichts des Anspruchs, Schule als nicht wertneutralen Ort zu begreifen, wirkt diese Reaktion irritierend. Wird Vielfalt vor allem dort eingefordert, wo sie ‚unten‘ gelebt werden soll, ohne dass sie ‚oben‘ strukturell verankert ist? So bleibt die Debatte um das Thema ,Vielfalt‘ symbolisch.
Der Versuch des Moderators am Ende der Veranstaltung eine konkrete Verabredung mit der Bildungssenatorin zu erzielen, blieb weitgehend folgenlos. Statt verbindlicher Maßnahmen wurde Dialogbereitschaft signalisiert und auf weitere planbare Austauschformate verwiesen, an denen sie teilhaben würde. Die Verantwortung gab Frau Bekeris symbolisch an die rund 140 Anwesenden als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren weiter: Vielfalt leben und darüber sprechen.
Im abschließenden Resümee zeichnete die Landesfunkhausdirektorin des NDR Hamburg ein ausgesprochen positives Bild der Diskussion. Sie betonte die Vielzahl an Lösungen, Perspektiven und engagierter Praxis sowie die hohe Komplexität des Lehrkräfteberufs. Dieses Fazit wirkt jedoch ausgesprochen optimistisch, wenn man die gegenwärtigen gesellschaftlichen und bildungspolitischen Debatten berücksichtigt, in denen Schule im Kontext von Pluralität häufig als Konflikt- und Überforderungsraum verhandelt wird.
Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass sich die Harmonie des Abends weniger aus übertragbaren Lösungen als aus der spezifischen Konstellation der Veranstaltung erklärt: einer inhaltlich weitgehend einhelligen Podiumsrunde und einem sichtbar diversen, zustimmenden Publikum, das eingangs vom Moderator ausdrücklich hervorgehoben wurde. Eine kontroverse Auseinandersetzung blieb aus, was den Talk angenehm machte, die aktuelle Situation jedoch nicht erhellte.
In der Gesamtschau wird deutlich, dass die zuständige Behörde keine einheitlichen pädagogischen Leitlinien oder verbindlichen Konzepte zur Gestaltung von Vielfalt in Schule vorstellt. Stattdessen wurden offene Möglichkeitsräume skizziert, deren Ausgestaltung faktisch einzelnen Schulen und engagierten Lehrkräften überlassen bleibt. Diversitätsarbeit wird so zur (un-/freiwilligen) Zusatzleistung, die unter Bedingungen hoher Arbeitsbelastung nur punktuell geleistet werden kann.
Damit verschiebt sich die Verantwortung nach unten, ohne dass auf übergeordneter Ebene einheitlich klare Orientierung, Ressourcen oder Rückendeckung bereitgestellt werden. Pädagogische Gestaltung benötigt jedoch mehr als Haltung: Sie braucht verbindliche Ziele, strukturelle Verankerung, Zeit- und Personalressourcen sowie systematische Fortbildung – unabhängig vom Sozialindex einzelner Schulen.
Fazit: Der Paneltalk bot zahlreiche kluge Beobachtungen, interessante Best-Practice-Beispiele und ein klares normatives Bekenntnis zu Vielfalt und Demokratie. Gleichzeitig blieb er in zentralen Punkten unverbindlich. Pluralität wurde als Wert betont, jedoch nur begrenzt als strukturelle und politische Gestaltungsaufgabe verhandelt.
Dennoch bleibt festzuhalten: Der Abend über “Hamburger Vielfalt” war ein Anfang – im Jahr 2026. Und zwar zum Anfang des Jahres.




