Integrative Medizin: Studie erforscht Einbettung von komplementären Verfahren in das Gesundheitssystem

Was fördert und was erschwert die Einführung von Integrativer Medizin, also das Miteinander von konventioneller Medizin und komplementären Therapieverfahren, in die Gesundheitsversorgung? Dieser Frage geht Prof. Dr. Holger Cramer von der Universität Tübingen und dem Bosch Health Campus Stuttgart in einer zweijährigen Studie nach.

„Reallabor Baden-Württemberg“

Sein „Reallabor“ ist, wie Cramer sagt, Baden-Württemberg – schon jetzt ein historisch gewachsenes „Muster-Ländle“, was die Versorgung mit komplementärmedizinischen Heilmethoden angeht. Das drittgrößte deutsche Bundesland verfügt mit dem Kompetenznetz Integrative Medizin (KIM) über einen bundesweit einzigartigen Zusammenschluss von Kliniken, niedergelassenen Ärzten und Instituten, die Integrative Medizin praktizieren und mit ihren Erfahrungen zu der Studie beitragen. Das Projekt erfolgt in technischer Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation WHO.

„Traditionelle, Komplementäre und Integrative Medizin, also die Verbindung von konventioneller Medizin und komplementären Verfahren, sind schon Teil der Versorgungsrealität in Deutschland“, sagt Cramer. „In Deutschland haben rund 70 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal Traditionelle, Komplementäre und Integrative Medizin genutzt, wie uns aktuelle repräsentative Daten zeigen. Knapp 40 Prozent haben diese Therapien innerhalb eines Jahres angewendet“, fügt der Inhaber der Professur zur Erforschung komplementärmedizinischer Verfahren und wissenschaftliche Leiter des Robert Bosch Centrums für Integrative Medizin und Gesundheit am Bosch Health Campus in Stuttgart hinzu. „Für uns bedeutet das, dass diese Methoden in der Bevölkerung eine relevante Rolle spielen und nicht nur ein Randphänomen sind.“

Zusammenarbeit mit WHO, mehrere Forschungsstränge

Weil diese therapeutischen Ansätze gerade in Baden-Württemberg schon mehr als anderswo in Deutschland Teil der Gesundheitsversorgung sind, untersuchen Prof. Holger Cramer und sein Team dort nun in einer zweijährigen Studie bis 2027, welche Gegebenheiten dafür erforderlich sind. Kooperationspartner ist das Kompetenznetz Integrative Medizin (KIM) in Baden-Württemberg. Darüber hinaus besteht eine technische Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation WHO, „was wir sehr zu schätzen wissen“, wie der Studienleiter betont. Die Weltgesundheitsorganisation beschäftige sich seit Langem mit Wegen, wie evidenzbasierte und sichere komplementäre und vor allem traditionelle Methoden in nationale und lokale Gesundheitssysteme integriert werden können. Aktuell gebe es dazu die Global Traditional Medicine Strategy 2025-2034.

Als bundesweit einzigartig gilt das Kompetenznetz Integrative Medizin (KIM) in Baden-Württemberg, ein Zusammenschluss überwiegend von Kliniken sowie einzelnen Praxen und Instituten. Von dessen Mitgliedern werden für eine qualitative Studie Daten erhoben. „Zusätzlich planen wir, Politiker sowie Vertreter von Krankenkassen einzubeziehen“, erläutert Prof. Holger Cramer. In Fokusgruppen sollen verschiedene Akteure aus Gesundheitseinrichtungen miteinander diskutieren, außerdem seien Einzelinterviews geplant. In einer systematischen Übersichtsarbeit sollen zudem internationale Literatur-Quellen zu diesem Thema ausgewertet und so vorhandene Erkenntnisse genutzt werden.

Blaupause für Deutschland?

Wie Prof. Holger Cramer betont, eigne sich Baden-Württemberg aus mehreren Gründen besonders für das Studienvorhaben: „Komplementärmedizin ist hier schon sehr stark in die Gesundheitsversorgung integriert, auch angesichts einer großen Nachfrage in der Bevölkerung. Menschen wünschen sich diese Art von Medizin, die gerade in Baden-Württemberg auch historisch lange verankert ist.“ Auf dieser Basis habe sich ebenfalls das Akademische Zentrum für Komplementäre und Integrative Medizin (AZKIM) in Baden-Württemberg etabliert, ein wissenschaftlicher Zusammenschluss der Universitätskliniken in Heidelberg, Freiburg, Ulm und Tübingen. Auch gebe es in diesem Bundesland entsprechende politische Initiativen, die etwa seine 2022 neu geschaffene Professur in Tübingen ermöglicht hätten. Komplementärmedizin sei zudem ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Baden-Württemberg.

„All das macht Baden-Württemberg zu einem sehr spannenden Reallabor, um zu verstehen, wie die Integration von Komplementärmedizin funktioniert“, betont Prof. Holger Cramer. Das Ziel: „Im Anschluss an das aktuelle Projekt planen wir, auf der Basis unserer Ergebnisse, eine Art Handlungsempfehlung zu entwickeln: Was gilt es zu beachten, wenn Integrative Medizin in einem Krankenhaus oder eine andere Versorgungseinrichtung implementiert werden soll? Dazu gehöre, dass es „gerade auch in ländlichen und kleineren Häusern entsprechende Versorgung geben sollte“, so Prof. Holger Cramer, „damit es sich nicht um eine Medizin handelt, die vom Geldbeutel abhängt oder von der Bereitschaft, weit zu fahren.“

Ein wesentlicher Faktor sei nicht zuletzt die Kostenfrage. Es gebe bereits gut gemachte Forschung, die untersuche, ob „komplementärmedizinische Methoden vielleicht nicht nur wirksam oder sicher oder beides sind, sondern auch kosteneffektiv.“ Für die Integration werde es daher eine essenzielle Rolle spielen, ob diese mit einer angemessenen Kostenstruktur tatsächlich abbildbar sei. Speziell an dieser Stelle sei noch mehr Forschung erforderlich.

Ein Wort zur Initiative „Gesunde Vielfalt“: Die Initiative ist ein unabhängiger Zusammenschluss von Experten und Expertinnen unterschiedlicher Therapieformen. Das Ziel ist, das Zusammenwirken von konventionellen und komplementären Therapien – sprich: die Integrative Medizin – stärker in den Vordergrund der Diskussion zu rücken, um notwendige Verbesserungen des Gesundheitssystems anzustoßen. Es geht dabei um den gegenseitigen Respekt der Therapieformen und Heilberufe. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Information und Aufklärung der Öffentlichkeit, der Nähe zur Praxis und Vernetzung von Ärztinnen, Ärzten, Apothekerinnen und Apothekern und Heilberufen im Sinne der Patientinnen, der Patienten. Es geht um Impulse für einen ideologiefreien, offenen Diskurs zur Verbesserung des Gesundheitswesens in Deutschland.


Quelle: Eine Pressemeldung der Initiative Gesunde Vielfalt vom 20. Oktober 2026.