Angehörigen-Pflege: Fehlende Vereinbarkeit gefährdet im Jahr 2045 mehr als 200.000 Stellen

Gütersloh, 20. Oktober 2026. Angehörige übernehmen einen wesentlichen Teil der Pflege in Deutschland. Mit der steigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen wird ihr Beitrag in den kommenden Jahren noch wichtiger. Nach der Vorausberechnung von Bertelsmann Stiftung und Prognos AG werden 2045 voraussichtlich rund 13,3 Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter ein Familienmitglied pflegen. 2023 waren es 8,7 Prozent.

Wenn Frauen pflegen: Verlust beruflicher Perspektiven

Damit wächst auch die Herausforderung, diese Verantwortung mit dem Beruf zu vereinbaren. „Wir dürfen den wachsenden Pflegebedarf nicht mit Rückschritten bei der Gleichstellung bezahlen. Da vor allem Frauen ihre Erwerbstätigkeit für die Pflege einschränken oder aufgeben, verlieren sie berufliche Perspektiven – und der Arbeitsmarkt dringend benötigte Fachkräfte. Der demografische Wandel macht es umso wichtiger, pflegende Angehörige zu unterstützen, statt ihre berufliche Teilhabe aufs Spiel zu setzen“, sagt Michaela Hermann, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann Stiftung. 

Viele Menschen reduzieren ihre Arbeitszeit oder unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit, wenn sie Angehörige pflegen. Das hat auch Auswirkungen darauf, wie viel Arbeitskraft zur Verfügung steht. Für das Jahr 2026 beziffert die Analyse die mit der Angehörigenpflege verbundenen Einschränkungen der Erwerbstätigkeit auf rechnerisch 184.000 Vollzeitäquivalente. Bis 2045 könnte dieser Wert auf 229.000 steigen – ein Zuwachs von knapp 25 Prozent. „Wenn sich an der Situation informell Pflegender nichts ändert, wird die gesellschaftliche Alterung dem Arbeitsmarkt in den nächsten 20 Jahren immer mehr Erwerbspotenzial entziehen – gerade dann, wenn jede Arbeitskraft dringend gebraucht wird. Das hemmt die berufliche Entwicklung der Betroffenen und trübt die Wachstumsaussichten“, sagt Eric Thode, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung.

Zukunft 2045: Rund 580.000 Frauen reduzieren ihre Erwerbstätigkeit

Frauen stellen derzeit mit zwei Dritteln (63 Prozent) den größten Anteil der Pflegenden, im Schnitt investieren sie sechs Stunden mehr pro Woche in die Pflege als Männer. Wenn Frauen Pflege übernehmen, reagieren sie häufiger und früher als Männer mit einer schrittweisen Reduzierung ihrer Arbeitszeit. Die Folgen für die Erwerbstätigkeit treffen Frauen damit besonders stark. Setzen sich diese Muster in den kommenden Jahren fort, könnten im Jahr 2045 rund 580.000 Frauen wegen ihrer Pflegeverantwortung weniger oder gar nicht erwerbstätig sein. Das entspricht drei Viertel des gesamten Verlusts an Erwerbsvolumen und einem Umfang von 173.000 Vollzeitäquivalenten. Unabhängig vom Geschlecht entfällt nahezu der gesamte Verlust des Erwerbsvolumens auf Personen, die mehr als zehn Stunden die Woche pflegen.

Mehr Unterstützung von Unternehmen

Politik und Unternehmen sollten die informelle Pflege stärker in den Blick nehmen. Künftige Reformen für eine bessere Pflegevereinbarkeit, wie das im Koalitionsvertrag angekündigte Familienpflegegeld oder ein Familienbudget, sollten klar auf die partnerschaftliche Verteilung von Pflegeverantwortung ausgerichtet sein. Darüber hinaus kann die Politik den Zugang zu professioneller Pflege wie Tages- und Kurzzeitpflege für Menschen erleichtern, die diese Angebote nutzen möchten. Präventionsangebote könnten zudem stärker darauf ausgerichtet werden, bei Menschen mit geringer Pflegebedürftigkeit einen höheren Pflegebedarf hinauszuzögern oder möglichst zu vermeiden.

„Wer Angehörige pflegt, leistet einen enormen gesellschaftlichen Beitrag. Wer dafür die Erwerbstätigkeit einschränkt, riskiert jedoch Einbußen beim Einkommen und bei der Alterssicherung. Pflegende Angehörige besser zu unterstützen, ist deshalb auch Aufgabe der Unternehmen“, sagt Michaela Hermann. Pflegende bräuchten daher verlässliche Absprachen darüber, wie sich Arbeitszeiten an ihre Situation anpassen lassen. Angesichts der großen Zahl der Pflegenden dürften eine Vielzahl von Unternehmen betroffen sein. Sie sind daher gut beraten, flexiblere Arbeitszeiten und nach Möglichkeit auch Homeoffice anzubieten. Wer den Beruf vorübergehend unterbricht, sollte zudem Unterstützung beim Wiedereinstieg erhalten.

Ein Wort zur Analyse: Die Analyse untersucht die Entwicklung der informellen Pflegearbeit in Deutschland und die damit verbundenen Einschränkungen der Erwerbstätigkeit bis 2045. Grundlage für die Analyse des Status quo und die Vorausberechnungen ist eine quantitative Datenauswertung des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) und des Statistischen Bundesamts sowie eine qualitative Auswertung empirischer Literatur zu kausalen Zusammenhängen zwischen Pflegeverantwortung und Erwerbsverhalten. Die Bestandsanalyse bezieht sich auf das Jahr 2023, die Angaben für 2026 und 2045 beruhen auf Modellrechnungen. Für die Projektion werden die beobachtete Struktur der Pflegenden nach Geschlecht, Pflegeintensität und Erwerbsstatus sowie die empirisch fundierten Annahmen zum Erwerbsverhalten über den Projektionszeitraum konstant gehalten.

 


Quelle: Eine Pressemeldung der Bertelsmann Stiftung vom 20. Oktober 2026.