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Das Begriffsmonster „Systemsprenger“ und der schwierige Auftrag, an die Kinder- und Jugendhilfe dieses Phänomen zu verhindern.

14.03.2016 Von: Kerstin Landua, Jessica Schneider

Ein Tagungsbericht

Am 03./04. Dezember 2015 veranstaltete die Arbeitsgruppe Fachtagungen Jugendhilfe im Deutschen Institut für Urbanistik die Fachtagung „Systemsprenger verhindern. Wie werden die Schwierigen zu den Schwierigsten?“ im Centre Français in Berlin. Zu dieser Fachtagung waren 180 Fachkräfte der öffentlichen und freien Jugendhilfe nach Berlin gekommen, um sich u.a. miteinander darüber auszutauschen,

  • wann ein Kind nach heutiger Diskussion „schwierig“ und ein Systemsprenger ist,
  • was Risikofaktoren (früh)kindlicher Entwicklung sind und wie Anzeichen dafür frühzeitig erkannt werden können,
  • an welchen biografischen Punkten es Ansatzpunkte für die Jugendhilfe gibt, Systemsprenger zu verhindern, welche frühen Interventionsmöglichkeiten es gibt und wie ein „Umsteuern“ möglich ist,
  • wie sich sozialpädagogische Fachkräfte produktiv mit der „Dynamik des Scheiterns“ auseinandersetzen können,
  • was „Scheitern“ aus entwicklungspsychologischer Sicht bedeutet und wie inklusiv „wir“ schon sind.

Beziehungsgestaltung und die Macht zu entscheiden, wer ein Systemsprenger ist

Nach der Eröffnung der Tagung begann die inhaltliche Debatte mit einem persönlichen Statement von Franziska Krömer, der pädagogischen Gesamtleiterin des Hamburger Kinder- und Jugendhilfe e.V., mit dem Titel „Die „Unbändigen“ nicht im Stich lassen!“. Sie sprach darüber, dass es in der Kinder- und Jugendhilfe noch nie so viele Standards wie heute gab, aber viele Kinder und Jugendlichen mit diesen Standards nicht erreicht werden. Wichtig sei in erster Linie, den Jugendlichen Halt zu geben, sie auszuhalten und als sozialpädagogische Fachkraft auch durchzuhalten. Damit Betreuer/innen zu den Kindern und Jugendlichen einen Kontakt/Beziehung gestalten können, ist es für die sozialpädagogischen Fachkräfte von Bedeutung, sich selbst gut zu kennen und einen Zugang zu ihren eigenen Stärken und Schwächen zu haben. Bin ich dabei als Betreuerin ein selbstständiges Gegenüber? Kann ich mit Wut, Aggression und Ablehnung der Kinder und Jugendlichen umgehen? Bei der Gestaltung der Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen ist es wichtig zu verstehen, welcher Sinn und welche Sinnhaftigkeit dem Verhalten der Jugendlichen zu Grunde liegt, das manchmal schwer auszuhalten und manchmal noch schwerer zu beeinflussen ist. Es sei wichtig für die Betreuer/innen herauszufinden, welches Leid hinter den Symptomen steht, um mit adäquaten Interventionen reagieren zu können und um Stigmatisierung zu verhindern. Beziehungsgestaltung ist mit Blick auf die Macht, die „wir“ haben, mit einer großen Verantwortung verbunden, weil wir auch die Deutungsmacht darüber haben, ob wir sie als „schwierig“ oder als „Systemsprenger“ bezeichnen. Damit wir Kinder und Jugendlichen erreichen, müssen sie Vertrauen gewinnen und merken, dass wir sie nicht im Stich lassen und weiterreichen wollen. Dabei kommen wir an schwer zu überwindende Grenzen und sind darauf angewiesen, uns Hilfe von weiteren Spezialisten zu holen. Wunder gibt es nicht! Doch mit Betreuungskontinuität, Humor, einem flexiblen  Alltag und einer guten Selbstfürsorge haben wir eine Chance, auch diese Kinder und Jugendlichen zu erreichen.

Und manchmal ist es auch gut, einfach innezuhalten.

Kleine Kinder, zarte Pflänzchen …
„Risikokinder“ + „Risikofaktoren“

Prof. Dr. med. Katja Becker, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Philipps-Universität & Universitätsklinikum Marburg, sprach über Risiko- und Schutzfaktoren aus entwicklungspsychologischer Sicht und stellte Ergebnisse der Mannheimer Risikokinderstudie vor.

Im Mittelpunkt des Vortrags standen folgende Fragen:

  • Welche Kinder sind besonders gefährdet?
  • Welche Kinder sind besonders geschützt?
  • Was können wir aus den Ergebnissen der Studie lernen?

Nach der Erläuterung, dass ein Risikofaktor eine Bedingung ist, welche die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Störung erhöht, und dem Hinweis darauf, dass sich kindbezogene von umweltbezogenen Risikofaktoren unterscheiden lassen, nannte Prof. Becker ausgewählte Risikofaktoren. Sie bestätigte z.B., dass Rauchen in der Schwangerschaft ein hohes Risiko für die Entwicklung des Kindes darstellt, und ergänzte, dass vor allem sehr junge Frauen häufig und viel während der Schwangerschaft rauchen. Sie seien wiederum diejenigen, bei denen häufig eine unerwünschte Schwangerschaft vorliegt, die allein erziehend sind, die in engen Wohnverhältnissen leben, ein niedriges Bildungsniveau aufweisen und wenig Geld haben.

Als weiteren Risikofaktor nannte sie die psychische Erkrankung eines Elternteils. Kinder von Müttern, die an postpartaler Depression erkrankt sind, zeigen im Entwicklungsverlauf häufiger psychische Störungen.

Ähnlich wie bei den Risikofaktoren lassen sich zwei Arten von Schutzfaktoren unterscheiden: personale Ressourcen (Resilienz) und soziale Ressourcen. Sowohl die Interaktion der Mutter mit dem Kind als auch die des Vaters stelle einen von vielen Schutzfaktoren im Betreuungsumfeld des Kindes dar, also eine soziale Ressource. Beispiele für Schutzfaktoren in der Person des Kindes und damit personale Ressourcen wären z.B. Selbstwirksamkeit und Stressbewältigungskompetenzen. Aus den Ergebnissen der Risikokinderstudie können wir vor allem Folgendes lernen: Entwicklungsrisiken müssen frühzeitig erkannt, vermeidbare Risiken so gut es geht verhindert, nicht vermeidbare Risiken abgemildert und die Erziehungskompetenz der Eltern sowie die Lebenskompetenz der Kinder gestärkt werden.

„Top Ten plus“ der Handlungspraxis im Umgang mit „schwierigen“ Kindern

Diese stellte Prof. Dr. Regina Rätz, Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe, Alice-Salomon-Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung Berlin, in ihrem Vortrag zur Diskussion. Sie bekräftigte zunächst, dass es im Grunde keine eindeutige Definition für „schwierige“ Kinder und Jugendliche gibt, da es sich um eine sehr heterogene Gruppe handelt. Sehr viele unterschiedliche Phänomene an jungen Menschen würden als schwierig beschrieben werden, die sich, genau wie die dazugehörigen Analysen, im Zeitverlauf unter Bezugnahme auf die jeweiligen gesellschaftlichen Thematisierungen wandeln. Es gibt nicht den/die Systemsprenger/in, sondern diese Zuschreibung ist das Ergebnis einer Dynamik, eines Prozesses, an dem mehrere Akteure beteiligt sind. Aus einer biografietheoretischen Perspektive gibt es keine schwierigen Kinder und Jugendlichen, wohl aber sehr schwierige sozialpädagogische Alltagssituationen, in denen die Beteiligten an Grenzen geraten und im Kontakt scheitern können. Es gilt diese als schwierig erlebten Alltagssituationen zu analysieren, um darauf basierend sozialpädagogische Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Im Kern geht es also weniger um die Diagnose von Auffälligkeiten bei jungen Menschen, sondern um die Bewältigung (wechselseitiger) Verstehensprozesse und Verstehensprobleme der Beteiligten.

Zu ihrer „Top Ten plus“ der Handlungspraxis im Umgang mit „schwierigen“ Kindern und Jugendlichen gehören u.a. folgende Punkte: 

  • Grundversorgung gewährleisten
  • Erzählen, Zuhören, dialogische Verständigung
  • Emotionale Äußerungen zulassen und normalisieren
  • Vorerfahrungen akzeptieren und integrieren
  • Gemeinsame Vorhaben entwickeln
  • Konflikte und Auseinandersetzungen normalisieren
  • Autonomie fördern und gleichzeitig Schutz geben
  • statt Grenzen Handlungsräume aufzeigen.

Ausführliche Erläuterungen zu den einzelnen Punkten sind in der Tagungsdokumentation nachzulesen.

Professionalisierung, verfahrene Fälle, Glück und Pech

Prof. Dr. Mathias Schwabe, Professor für Soziale Arbeit, Evangelische Hochschule Berlin, stellvertretender Vorsitzender des Instituts für Innovation und Beratung an der EHB, hatte den TeilnehmerInnen dieser Tagung spannende Fachfragen, Beobachtungen, Forschungsergebnisse und Fallgeschichten mitgebracht. Zu diesen Fragen zählten u.a.:

  • (Wann und wie) Lässt sich das „Scheitern“ von Erziehungshilfen voraussagen und beeinflussen?
  • Welche „Mächte“ können stärker sein als „professionelles“ Bemühen?
  • Wie viel „Glück“ (d. h. nicht-machbares wie Genialität, Zufall, Fügung, Schicksal) braucht es, damit sich „verfahrene“ Hilfen zum „Guten“ wenden können?

Zur Beantwortung der Fragen stellte Prof. Schwabe sein derzeitiges Arbeitsmodell für Denken und Handeln mit den (für uns) „Schwierigen“ vor. Dies sieht zunächst eine Professionalisierung des fachlichen Handelns vor. Das Handeln ließe sich z.B. professionalisieren, indem man ernsthaft versucht, ein Kind/einen Jugendlichen zu verstehen. Dies könne geschehen, indem man visualisiert, was man weiß, sich bewusst macht, was man nicht weiß, und dem Kind oder Jugendlichen zeigt, dass das gesamte Team ihn kennen lernen und verstehen möchte. Das Fallverstehen könne aber nicht nur in Bezug auf das Individuum professionalisiert werden, sondern auch in Bezug auf das Hilfesystem. Prof. Schwabe erklärte in diesem Zusammenhang, dass alle Akteure umdenken und sich neu zusammenfinden müssen. Neben dem Fallverstehen habe die ABiE-Studie von Harald Tornow und seinem Team drei weitere wichtige Faktoren herausgearbeitet, die die Chancen von Gelingen auch in schwierigen Situationen steigern: Die Problemsensibilität bei Krisenentwicklungen, der Problemlöse-Stil der Einrichtung und die Kontaktdichte von Seiten des Jugendamtes mit allen Beteiligten.

Der zweite Teil von Schwabes dreiteiligem Arbeitsmodell besteht darin, einen Umgang mit ungünstigen und schwierigen bis unlösbaren Fällen zu finden. Für solche verfahrenen Situationen und Helferdynamiken müsse man sich merken, dass man vor dem Vorschlagen neuer Hilfen erst einmal verstehen muss, was bisher gelaufen ist,  sich Fehler eingestehen und sich für diese bei der Familie entschuldigen muss. Oft müsse man auch akzeptieren, dass man nichts weiter tun kann, außer auszuhalten, zu begleiten und für sich selbst zu sorgen.

Drittens sollten HelferInnen lernen, mit Kontingenzen, Glück und Pech gut umzugehen.

Ansatzpunkte für die Kinder- und Jugendhilfe, „Systemsprenger zu verhindern“:

Eine Vorstellung von Praxisbeispielen hierzu mit einem intensiven Erfahrungsaustausch fand in folgenden Arbeitsgruppen statt:

  • Kontextnahe Krisenintervention – Zwischen Kindeswohlgefährdung und Rückführung in die Familie. Hilfe für Familien in Krisensituationen: Ein Praxisbeispiel für die Verknüpfung von ambulanter/flexibler und stationärer Erziehungshilfe in Zusammenarbeit mit den Regionalteams des Potsdamer Jugendamtes.
  • „Gekommen, um zu bleiben. Mit Herz und Verstand.“ Ein gemeinsames Projekt von Schule und Jugendhilfe an der Grundschule am Schäfersee in Berlin-Reinickendorf Ost
  • „Sprungbrett“ – Clearing für hochauffällig agierende Jugendliche. Ein Modellprojekt des Jugendamtes Berlin-Neukölln und der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Vivantes-Klinikums am Friedrichshain in Kooperation mit Aktion´70 - Jugendhilfe im Verbund e.V., Berlin
  • Entkoppelt vom System? Jugendliche am Übergang in das Erwachsenenleben und die Herausforderungen für die Jugendhilfestrukturen. Ein Forschungsprojekt des Deutschen Jugendinstituts e.V., Halle
  • „Es kostet Mut, darüber zu sprechen …“ Trauma + Traumafolgestörungen: Wieviel ist heilbar? Was hilft? Welche Forschungsergebnisse hierzu gibt es?

„Intensivpädagogik“: Das Gegenteil von Inklusion?
Perspektiven für junge Menschen, die sich offenbar entziehen.

Prof. Dr. phil. habil. Menno Baumann, Bereichsleiter beim Leinerstift e.V., Evangelische Kinder-, Jugend- und Familienhilfe und Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, hat sich intensiv mit dieser Frage beschäftigt, dazu geforscht und publiziert und mit unseren TeilnehmerInnen diskutiert. Das Kernproblem der aktuellen Debatte über den Umgang mit „Systemsprengern“ in einem inklusiven System wäre, dass das Ziel der Inklusion eine Gesellschaft ist, in der jeder vollberechtigt teilhaben darf, auch wenn er oder sie im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft Besonderheiten aufweist. Dies gelte aber für Menschen mit Verhaltensstörungen nur sehr bedingt. Denn: Genauso wie man darüber nachdenken muss, ob dieser Anspruch auch für Gewalttäter, für delinquente Jugendliche oder für sexuell übergriffige Menschen gilt, muss man sich fragen, ob dieser Anspruch auch für „Systemsprenger“ gilt. Bei Anwendung des gängigen Verständnisses von Inklusion auf die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen mit schwierigen Verhaltensweisen würde dies bedeuten, dafür zu sorgen, dass sie „normal“ werden. Dieser Auftrag wäre aber unerfüllbar.

Prof. Baumann schlussfolgerte, dass eine wie auch immer geartete Intensivpädagogik nicht das Gegenteil von Inklusion sein kann, sondern nur integraler Bestandteil jeder guten Pädagogik. (Intensiv)pädagogische Angebote für „Systemsprenger“ müssten zusammenfassend folgendermaßen sein:

  • konfliktsicher, deeskalierend und präsent,
  • reflektiert bezüglich Nähe-Distanz, Bindung-Abgrenzung,
  • dranbleibend, haltend ausgerichtet und nicht (so schnell) abzuschütteln,
  • Kontinuität vermittelnd, auch über Phasenverläufe hinweg,
  • in ihrer Haltung verstehenden und traumasensiblen Ansätzen verpflichtet,
  • mit Konzepten des (emotionalen) Schutzes und der Sicherung der MitarbeiterInnen ausgestattet,
  • flexibel in der Umgestaltung des Settings, wenn nötig.

Diskussion in Foren zu Einzelthemen pädagogisch-fachlicher Herausforderungen im Umgang mit „Systemsprengern“

  • „Die ewige Debatte des Nicht-Zuständig-Seins beenden!“ Systemsprenger + Schule. Die Klaviatur pädagogischer Unterstützungsmöglichkeiten für Kinder mit störenden Verhaltensweisen.
    Prof. Dr. phil. habil. Menno Baumann
  • „Versucht meine Lebensgeschichte zu nutzen, anstatt sie mir vorzuwerfen!“ Mit Kindern und Jugendlichen auf Ressourcensuche gehen und Motivation und Mitwirkungsbereitschaft fördern.
    Samera Bartsch, Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Univation - Institut für Evaluation Dr. Beywl & Associates GmbH, Berlin, und Simone Stroppel, Politologin, Freie Evaluatorin und Gutachterin, Berlin
  • „Kooperative Fachleute, kooperatives System?“ Nicht zwischen den Hilfesystemen verloren gehen. Die Bedeutung von Kooperationen beteiligter Institutionen. Britta Discher, Lebenszentrum Königsborn, Unna
  • „Auf sich selbst achten und sich Hilfe holen …“ Als Fachkraft eigene Grenzen (frühzeitig) erkennen. Kollegiale Beratung und Supervision als Teil der Selbstfürsorge.
    Franziska Krömer, Pädagogische Gesamtleitung, Hamburger Kinder- und Jugendhilfe e.V.

Das Gehirn als Argument?
Risiken und Chancen neurowissenschaftlicher Deutungsmuster schwierigen Verhaltens

Prof. Dr. Nicole Becker, Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg referierte zum Abschluss der Tagung zu diesem Thema.

Am Beispiel der am häufigsten diagnostizierten Störung bei Kindern erläuterte sie, welche Folgen es hat, das Gehirn als Argument einzusetzen. ADHS neurobiologisch zu erklären, erhöhe die Akzeptanz pharmakologischer Interventionen, biete eine Erklärung für das Scheitern bisheriger Lösungsversuche und lege eine Medikation als Mittel zum Zweck der Verhaltensänderung nahe. Die Frage „Wem nützt das Gehirnargument?“ beantwortete Prof. Becker mit der Pharmaindustrie (ein sich ständig erweiternder Absatzmarkt für Psychopharmaka ergibt sich), dem Gesundheitssystem (Patientenzufluss wird gesichert) und dem Bildungssystem (Schulen delegieren das Problem an andere Institutionen und Akteure). Da es keine belastbaren Daten gebe, dass das eingesetzte Medikament auch wirklich hilft, hätten weder Kinder noch Eltern einen Nutzen davon, das Gehirn als Argument heranzuziehen. Prof. Becker betonte, dass es ihr nicht um eine pauschale Ablehnung von Psychopharmakotherapie gehe und diese durchaus sinnvoll sein kann. Sie wäre aber nicht der einzige Lösungsansatz für alle möglichen Schwierigkeiten. Genauso wie das Gehirnargument den einen nütze, schade es anderen: dem System sozialer Hilfe (bekommt die „Schwierigsten“, nachdem andere Maßnahmen gescheitert sind), der Familie (macht sich falsche Hoffnungen und erlebt Enttäuschungen), der Pädagogik als Profession (Kerngeschäft pädagogischen Handelns gerät aus dem Blick; eigene Maßnahmen und Interventionsstrategien werden nicht ausgeschöpft).

Unser erstes Fazit?

Wie schwierige Kinder zu „Schwierigsten“ werden, lässt sich nicht allein und umfassend mit Hilfe der Neurowissenschaft erklären. Auf unserer Tagung hörten wir Sätze wie „Ob jemand schwierig ist oder nicht, ist Zufall.“ oder „Kein Kind ist gestört oder verrückt. Sein Verhalten ist die Antwort auf die Entwicklungsbedingungen des Kindes.“ Anregungen, wie die Kinder- und Jugendhilfe diese Entwicklungsbedingungen positiv im Sinne der Kinder gestalten kann, haben wir im Verlauf der zwei Tage zahlreich bekommen. Einige können sicher sehr gut in die eigene Praxis integriert werden.  

Autorinnen
Kerstin Landua
Leiterin der Arbeitsgruppe Fachtagungen Jugendhilfe im Deutschen Institut für Urbanistik, Berlin
Kontakt: landua@difu.de

Jessica Schneider
Arbeitsgruppe Fachtagungen Jugendhilfe im Deutschen Institut für Urbanistik, Berlin
Kontakt: jschneider@difu.de

Rubrik: Allgemeine Nachricht, Kinder- und Jugendhilfe

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